
Die Einladungskarte kippt zum dritten Mal in meiner Hand, Goldrand, schweres Papier, dann lege ich sie zurück auf den Stapel ungeöffneter Post. Mitten in der MPU-Vorbereitung fühlt sich jede Weihnachtsfeier an wie eine Prüfung, bei der mir niemand sagt, ob alkoholfrei hier überhaupt als bestanden zählt.
Kurzer Einschub, bevor es weitergeht: Dieser Text enthält Affiliate-Links. Kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, dein Preis bleibt gleich. Ich empfehle hier nur, was bei mir selbst auf dem Küchenboden gelandet ist, wie mein Workbook. Ersetzen tut dieser Text weder Rechtsberatung noch Therapie — bei rechtlichen Fragen hilft ein Anwalt für Verkehrsrecht, bei echten Alkoholproblemen die Suchtberatung.
Goldrand-Einladungen und meine MPU-Vorbereitung für die Feiertage
Auf dem Fliesenboden meiner Küche in Neuhausen reicht die Kälte um diese Jahreszeit locker durch die Wollsocken. Die blaue Tasse mit dem Sprung im Henkel steht längst ohne Dampf neben mir, das Notizbuch mit dem schwarzen Einband liegt aufgeschlagen, das Workbook wartet auf dem Stuhl daneben. Genau hier sortiere ich, welche Einladungen ich überhaupt annehme. Mein Ziel bleibt eine glatte 0.0 — nicht nur, weil ich es will, sondern weil mein Ethylglucuronid-Wert am Ende mitentscheidet, ob ich je wieder hinter einem Steuer sitzen darf. Eine ehrliche Trinkanamnese bedeutet für mich inzwischen auch, mir vor jeder Zusage einzugestehen, bei welchen Anlässen es früher am ehesten schiefging.
Im Notizbuch bekommt jeder schwierige Abend zusätzlich einen kleinen Punkt, ein privates Schlechte-Tage-Protokoll, das mir zeigt, bei welchen Terminen ich besonders wach sein muss.

Trennungsvermögen ist kein Wort für den Stammtisch
Der Kellner im Wirtshaus kennt keine Feinheiten. Er knallt den Bierfilzl automatisch vor jeden hin, letzten Freitag auch vor mich, bei einem Essen mit Kolleginnen. Kalter Schweiß auf den Handflächen, ein Pappdeckel, der sich anfühlt wie ein Urteil. Trennungsvermögen ist eines dieser Wörter, die beim Verkehrspsychologen glasklar klingen und im Wirtshaus komplett anders wiegen. Beim psychologischen Gespräch geht es ohnehin um genau solche Alltagsszenen, nicht um auswendig gelernte Antworten.
Was inzwischen hilft, sind keine großen Reden, sondern kurze, vorbereitete Sätze — einige davon habe ich aus dem MPU Masterplan Alkohol übernommen, andere mir selbst zurechtgelegt, nachdem ich beim ersten Versuch mitten im Satz zu weinen angefangen und keinen einzigen geraden Satz über meine eigene Trinkbiografie herausbekommen habe.
Wie übersteht man ein Geschäftsessen in der Augustenstraße?
Ein Geschäftsessen in der Augustenstraße läuft anders als eine große Weihnachtsfeier: kleinere Runde, mehr Blickkontakt, weniger Ablenkung. Vorher schreibe ich fast immer Melanie, meine beste Freundin seit dem Studium; merkt sie, dass mir mulmig ist, kommt keine Textnachricht zurück, sondern eine Sprachnachricht, weil sie weiß, dass ich in solchen Momenten eher eine Stimme brauche als Buchstaben. An diesem Abend habe ich direkt Wasser bestellt, ganz ohne den kleinen Test mit dem unangerührten Sektglas, den ich mir bei einer Geburtstagsfeier davor noch geleistet habe.
Alkoholfreies Bier war für mich lange die bequeme Ausrede: drei Monate lang habe ich fast ausschließlich das getrunken und wirklich geglaubt, das zählt schon als Abstinenz, bis mir klar wurde, dass es beim Abstinenznachweis nicht um das Etikett auf der Flasche geht, sondern um das, was der Test hinterher zeigt.
Die Begutachtungsleitlinien sind da gnadenlos genau, auch wenn sie sich beim ersten Lesen wie Behördendeutsch anfühlen. Vor ein paar Tagen habe ich einer Kollegin am Telefon zum ersten Mal wirklich alles erzählt, die Kontrolle, den Führerschein, die Verkehrspsychologin, und war danach selbst überrascht, dass ich nicht geweint habe.
Alkoholfrei durch Silvester
Silvester wird der erste nüchterne Jahreswechsel seit der Kontrolle, und der macht mir mehr Sorgen als jede Weihnachtsfeier. Kontrolliertes Trinken kommt für mich in dieser Phase nicht infrage. Die Entscheidung zwischen kontrolliertem Trinken und Abstinenz ist bei mir längst gefallen, auch wenn andere das anders für sich entscheiden.
Markus, ein Leidensgenosse vom MPU-Infoabend, schreibt mir manchmal sonntagnachts, wenn er selbst nicht einschlafen kann, und in den Tagen vor Silvester tauschen wir uns fast täglich aus. Will ich zwischendurch wissen, was eigentlich in meiner Akte steht, denke ich an die Akteneinsicht, die ich mir irgendwann noch vornehmen will, auch wenn ich mich bisher davor drücke.
Meine Struktur bleibt der Fixpunkt: Sonntagabends sitze ich mit dem MPU Masterplan auf dem Boden, weil er mir genau die unbequemen Fragen stellt, vor denen ich mich sonst drücken würde. Für Alkohol-Fragen ist er inzwischen mein täglicher Begleiter; falls du wegen einer Drogen-MPU hier gelandet bist, setzen laut einer anderen Tagebuch-Schreiberin aus dem Forum viele auf den FLEX3 Online Kurs — ich nutze ihn selbst nicht, kann aber weitergeben, was sie mir davon erzählt hat. Wie man einen Strafbefehl in München verdaut, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben.
Am Ende ist jede einzelne Einladung für mich eine kleine Generalprobe für das Gespräch beim Gutachter: Wenn ich im Wirtshaus glaubwürdig nein sagen kann, ohne mich zu erklären, traue ich mir zu, das später auch in einem Raum mit einer fremden Person zu schaffen, die über meinen Führerschein entscheidet. Bis dahin bleibt meine Regel simpel — kein Test mit dem unangerührten Glas, keine Ausrede, an die ich mich hinterher selbst nicht mehr erinnere, und immer eine ehrliche Antwort parat, falls doch jemand nachfragt.