Wieder am Steuer

Innere Motive für Alkoholkonsum finden: Meine Suche nach den wahren Gründen

Die Tasse neben mir hat einen Sprung, der bis zum Henkel läuft, und der Tee darin ist so kalt wie immer. Die Zeile in meinem Notizbuch, in der eigentlich meine inneren Motive fürs Trinken stehen sollten, bleibt leer. Bei der Alkohol-MPU reicht ein Auslöser wie Stress oder eine Hochzeit nicht als Antwort, das ist mir in der Vorbereitung inzwischen klar geworden. Also sitze ich mit zwei Erklärungen da, die sich beide plausibel anfühlen, und diese Selbstreflexion besteht im Kern daraus, herauszufinden, welche der beiden wirklich meine ist.

Kurzer Einschub, bevor es weitergeht: Dieser Text ist mein persönliches Abstinenz-Tagebuch, keine Rechtsberatung und keine Therapie. Ich bin Betroffene, keine Verkehrspsychologin. Er enthält Affiliate-Links, unter anderem zu dem Workbook, das ich selbst durcharbeite; kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts.

Zwei Erklärungen für denselben Samstagabend

Meine Verkehrspsychologin hat mir vor Kurzem beim psychologischen Gespräch genau diese zwei Kandidaten hingelegt, ohne sie mir vorzukauen: Trinke ich, weil ich dazugehören will, oder trinke ich, weil ich die Stille danach nicht aushalte? Beides passt auf einzelne Abende in meiner Erinnerung, und genau das macht die Sache schwierig.

Über den Tathergang der Trunkenheitsfahrt zu reden, fällt mir inzwischen leicht, das sind nur Fakten. Über das Warum dahinter zu reden, ist die eigentliche Übung.

Im Hirschgarten, an einem der langen Biertische, habe ich früher oft ein Glas bestellt, das ich eigentlich gar nicht wollte, nur weil alle am Tisch eins hatten. Niemand hat mich dazu gedrängt — ich habe mir das selbst eingeredet, aus Angst, sonst als Spielverderberin dazustehen. Das ist die eine Spur: Alkohol als Eintrittskarte in eine Gruppe, der ich mich zugehörig fühlen wollte, obwohl ich mich dort nie ganz wohl gefühlt habe.

MPU-Vorbereitung Abstinenz-Tagebuch: Nahaufnahme eines Tagebuchs mit der handschriftlichen Frage 'Warum?' und einem Bleistift.

Spielt die Stille danach die größere Rolle?

Die andere Spur beginnt nicht am Tisch mit anderen, sondern danach, allein in der Wohnung in Neuhausen. Der Feierabend war laut, die Firma voller Stimmen und Telefonklingeln, und sobald die Tür ins Schloss fiel, wurde es plötzlich sehr still. Diese Stille habe ich mit Alkohol zugedeckt, nicht aus Durst, sondern weil ich mit mir allein schwer zurechtkam.

Ein Freitagabend vor Kurzem hat mir gezeigt, wie weit ich damit inzwischen bin: Die Nachbarn feierten stundenlang durch die Wand, ich saß auf dem Küchenboden — und kein einziger Gedanke an Wein kam mir dabei in den Sinn.

Innere Motive Alkoholkonsum: Blick aus einem Fenster in München-Neuhausen bei Dämmerung mit einer Tasse Tee.

Warum das nicht dieselbe Frage ist wie beim Trinkanlass

Die Trinkanlässe selbst — wann, wo, mit wem — sortiere ich in einem anderen Eintrag, das ist eine eigene, nüchterne Fleißarbeit für sich. Hier geht es um etwas anderes: um das Gefühl direkt davor, nicht um den Ort. Ein Gutachter nennt das später vielleicht Trennungsvermögen oder prüft es entlang der Begutachtungsleitlinien, für mich fühlt es sich einfach danach an, endlich ehrlich mit mir selbst zu sein, bevor ich es vor einer fremden Person sein muss.

Wie ich die beiden Spuren gegeneinander abwäge

Lege ich beide Spuren nebeneinander, merke ich: Sie schließen sich nicht aus, aber eine wiegt bei mir schwerer. Am Tisch im Hirschgarten hätte ich auch mit Wasser überlebt, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit war da, aber nicht existenziell. Die Stille danach dagegen hat mich wirklich getrieben.

Für dich könnte das heißen: Schau nicht zuerst darauf, wo du getrunken hast, sondern darauf, was du kurz davor gefühlt hast. War es die Angst, aufzufallen, wenn du ablehnst? Dann ist das eine andere Baustelle, als wenn es die Angst vor der eigenen, leisen Wohnung war.

Selbstreflexion in der MPU-Vorbereitung ist kein Diagnose-Automat

Ein Modul im Workbook, das ich durcharbeite, stellt genau solche Fragen, in klar aufgebauten Aufgaben, und die Erklärung zum Abstinenznachweis darin ist verständlicher geschrieben, als ich erwartet hatte. Beantworten muss ich die Aufgaben trotzdem ehrlich selbst, dabei hilft mir keine Vorlage.

Geklappt hat bei mir längst nicht alles. Einen Abstinenz-Kalender hatte ich mal angefangen und dann relativ schnell wieder liegen lassen, weil mich das bloße Abhaken genervt hat, ohne dass es mir bei der eigentlichen Frage nach dem Warum geholfen hätte. An schlechten Tagen — die ich im Notizbuch nur mit einem kleinen Punkt markiere — vermisse ich außerdem einen echten Menschen am anderen Ende, das kann kein Workbook ersetzen.

Meine Akte habe ich mir übrigens auch schon angesehen, nur um zu wissen, was tatsächlich über mich drinsteht. Der Leistungstest mit seinem Reaktionsteil macht mir mehr Sorgen als die Leberwerte, die als Konsummarker ohnehin nur ein Baustein von vielen sind, und zwischen der Sperrfrist und der eigentlichen MPU-Auflage unterscheide ich inzwischen auch sauber, auch wenn beides am Anfang wie dasselbe Formular aussah.

MPU-Vorbereitung Selbstreflexion: Nahaufnahme von Modul 3 des MPU Masterplans mit persönlichen Notizen am Rand.

Was ich daraus für die nächsten Gespräche mitnehme

Wenn ich weiß, welches Motiv wirklich zieht, fällt es mir leichter, meine Einstellung zum Alkohol glaubhaft zu belegen, statt nur eine auswendig gelernte Erklärung aufzusagen.

Nicht jede Baustelle sieht gleich aus

Susanne aus dem Forum, bekannt für ihre trockenen Kommentare, kämpft gerade mit einer Drogen-MPU in Augsburg, keiner Alkoholgeschichte. Sie nutzt dafür ein anderes Programm vom selben Anbieter wie mein Workbook, mit derselben Lernlogik, aber ohne festen Termin und mit Beispielfällen, die ganz auf Drogenthemen zugeschnitten sind. Für meinen Fall wäre das wenig brauchbar, aber ihr hilft es gerade sichtlich.

Ob kontrolliertes Trinken für mich je wieder infrage kommt oder nur die Abstinenz zählt, ist eine andere Debatte, die eher in meine Trinkbiografie gehört als hierhin.

Und wenn ich irgendwann in der MPU Begutachtungsstelle hier in München sitze, will ich nicht zum ersten Mal laut aussprechen, warum ich damals wirklich getrunken habe. Dirk, ein ehemaliger Kollege, hat mir neulich um Mitternacht ein Meme geschickt, ohne zu ahnen, dass ich sowieso noch wach auf dem Küchenboden saß. Der Tee neben mir ist inzwischen komplett kalt. Aber die Zeile im Notizbuch ist heute Abend nicht mehr ganz so leer wie vorhin.

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