
Die Frage, wie ehrlich man eigentlich sein darf, wenn man seinen eigenen Tathergang aufschreibt, ohne sich danach tagelang nicht mehr im Spiegel anschauen zu können, ist eine zentrale Herausforderung. Diese Frage hängt gerade über meiner ganzen MPU-Vorbereitung, über meinem MPU-Tagebuch und über jeder Selbstreflexion, die ich in den letzten Tagen versucht habe. Eine gute Antwort habe ich noch nicht gefunden. Es geht hier nicht um eine weitere allgemeine Anleitung, sondern um zwei sehr unterschiedliche Arten, den Tathergang bei Alkohol am Steuer zu schildern, und darum, warum vor der Gutachterin am Ende nur eine davon überhaupt eine Chance hat.
Kurzer Zwischenstopp, bevor es weitergeht: Ich bin keine Verkehrspsychologin, keine Gutachterin und keine Anwältin, nur eine Office Managerin, die ihren Führerschein verloren hat und seitdem sonntagabends mit einem Notizbuch auf dem Küchenboden sitzt. Dieser Text enthält Partnerlinks, unter anderem zum MPU Masterplan Alkohol, den ich für meine eigene Aufarbeitung nutze – kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, dein Preis bleibt gleich. Rechtliche Fragen gehören zu einem Anwalt, Alkoholthemen zu einer Suchtberatung, nicht zu einem Tagebuch.
Zwei Versionen meines Tathergangs, nebeneinander gelegt
Version eins liegt seit Wochen in meinem Kopf und klingt ungefähr so: ein Hochzeitsfest im Spätsommer, das Essen kam spät, kaum etwas im Magen, dazu noch Stress mit der Anfahrt. Mittendrin taucht ein Wert auf, 1,4 Promille, aber er wirkt in dieser Version fast wie eine Fußnote neben lauter Erklärungen drumherum.
Die zweite Version sieht komplett anders aus. Sie beginnt mit dem Glas, das ich selbst zum Mund geführt habe, zählt jedes einzelne davon durch und hört nicht auf, bevor sie bei der absoluten Fahruntüchtigkeit angekommen ist, in die ich mich an diesem Abend selbst hineingetrunken habe. Nebeneinander gelegt wirken beide Versionen wie zwei völlig verschiedene Abende – dabei war es derselbe.
Der Moment, in dem ich auf Seite 47 gelandet bin
Als ich das MPU Masterplan-Workbook letzte Woche wieder aufschlug, landete ich ausgerechnet auf Seite 47 – der Übung zum Tathergang, die ich bisher immer übersprungen hatte.
Der Kugelschreiber kratzte laut über das Papier in der stillen Küche, während ich die "zwei Gläser Wein" durchstrich und stattdessen aufschrieb, was wirklich stimmte: mehrere Gin Tonics, mehr als ich zugeben wollte.
Erst in diesem Moment habe ich wirklich verstanden, was Gutachter mit charakterlicher Eignung meinen, auch wenn die eigentlichen Begutachtungsleitlinien selbst viel trockener klingen, als sich diese Küchenboden-Szene anfühlt. Es geht nicht darum, eine perfekte Heilige zu sein, sondern darum, nicht mehr zu lügen.

Geklappt hat bei mir längst nicht alles auf dem Weg dahin. Im Herbst habe ich einen Abstinenz-Kalender angefangen, mit kleinen Kästchen zum Abhaken für jeden trockenen Tag, und er lag ziemlich schnell wieder in der Schublade, weil mich das Abhaken selbst mehr gestresst hat als der Verzicht.
Mein ehemaliger Kollege Dirk hat mir letzte Woche einfach eine Zeitschrift vor die Tür gelegt, ohne ein Wort dazu zu verlieren – er macht das inzwischen öfter und fragt nie nach, was ziemlich genau die Art von Hilfe ist, die ich gerade gebrauchen kann. Im eigentlichen psychologischen Gespräch zählt später sowieso nur, wie glaubwürdig meine Version bei der Gutachterin ankommt, nicht wie elegant sie formuliert ist. Danach bin ich noch den Umweg über den Stiglmaierplatz gelaufen, nur um nicht direkt nach Hause zu müssen und in Ruhe über die zwei Versionen nachzudenken.
Was hat Susanne im Forum anders gemacht als ich?
Susanne Bäuerle, eine Frau aus einem Alkohol-MPU-Forum, die in Augsburg lebt, hat unter meinem allerersten Beitrag dort zwei Sätze hinterlassen. Kein Trost, kein Mitleid, nur die nüchterne Beobachtung, dass sich meine Formulierungen anhörten, als würde ich mich die ganze Zeit selbst verteidigen. Das saß.
Ihren Kommentar habe ich dreimal gelesen, bevor ich verstanden habe, was sie meinte. Susanne beschreibt ihren eigenen Tathergang inzwischen so direkt, dass es fast unangenehm ist, ihn zu lesen, und genau das funktioniert bei ihr. Keine Erklärung, warum es passiert ist, nur was passiert ist. Neben ihren Beiträgen wirken meine ersten Versuche wie ein einziges großes Rechtfertigen. Bei der Frage nach dem Trennungsvermögen, ob ich Alkohol und Autofahren wirklich sauber auseinanderhalten kann, hilft mir diese Direktheit inzwischen mehr als jede Erklärung.
Beschönigung klingt sicherer, fällt aber beim Gutachter sofort durch
Beschönigen bedeutet für mich, dass ich Schlafmangel oder das schwere Essen auf der Hochzeit als Hauptgrund anführe, obwohl der eigentliche Grund viel einfacher ist. Ausreden beim Umfeld bedeuten, dem Catering oder dem Stress im Büro eine Mitschuld zu geben, die ihm gar nicht zusteht – das Glas habe ich selbst zum Mund geführt, sonst niemand. Details dagegen bedeuten, genau zu sagen, wo ich kontrolliert wurde und was in dem Moment mit dem Blaulicht im Rückspiegel in mir vorging, weil solche Details zeigen, dass ich mich wirklich mit der Trunkenheit im Verkehr auseinandergesetzt habe und nicht bloß eine Geschichte auswendig gelernt habe.
Ohne zu wissen, wie ich früher überhaupt getrunken habe, komme ich bei der Tatnacht sowieso nicht weiter. Eine ehrliche Trinkanamnese ist eigentlich die Grundlage für das Ganze, auch wenn ich sie hier nicht im Detail aufrolle – wer tiefer einsteigen will, findet dazu mehr in meinem Text zur Trinkbiografie für die MPU. Genauso wenig rolle ich hier den ganzen Abstinenznachweis auf, das ist wirklich ein eigenes Kapitel für sich.

Ob am Ende kontrolliertes Trinken oder komplette Abstinenz die richtige Schlussfolgerung für mich ist, hängt von ganz anderen Fragen ab als vom Tathergang allein, deshalb lasse ich das hier bewusst offen. Wer sich vorher sogar die eigene Akteneinsicht angeschaut hat, weiß meistens schon ziemlich genau, welche Widersprüche der Gutachter zuerst findet, und meine schlechten Tage markiere ich inzwischen mit einem eigenen Punkt im Notizbuch, aber das ist wirklich eine andere Geschichte als der Tathergang. Falls du dich fragst, welche Unterlagen dafür überhaupt sinnvoll sind: Ein Blick in die Materialien zur MPU Vorbereitung hilft wenigstens dabei, den Papierkram nicht auch noch chaotisch anzugehen.
So bekommst du deine eigene Version ehrlicher
Wenn du checken willst, welche der beiden Versionen du gerade vor dir liegen hast, hilft ein einfacher Trick: Lies deinen Text laut vor und zähl mit, wie oft etwas anderes als du selbst das Subjekt eines Satzes ist – das Wetter, das Catering, der Stress, die Kollegen. Jedes Mal, wenn nicht du die Person bist, die etwas getan hat, ist das ein Beschönigungssatz, und den schreibst du so lange um, bis du selbst wieder das Subjekt bist.
Das kostet mehr Überwindung, als mir lieb ist, aber es zahlt sich messbar mehr aus als jede clever formulierte Rechtfertigung.
Welche Version besteht am Ende vor der Gutachterin?
Halte an der vagen Version fest, wenn du gerade selbst noch nicht bereit bist, dich der ganzen Wahrheit zu stellen – das ist menschlich, und genau da stand ich monatelang. Sobald du aber tatsächlich der Gutachterin gegenübersitzt, zählt nur noch die zweite Version, die konkrete, die mit dir selbst als Subjekt in jedem einzelnen Satz. Einen Mittelweg, der dort funktioniert, gibt es nicht.
Mein Notizbuch liegt aufgeschlagen neben mir auf dem Küchenboden, Seite 47 ist inzwischen vollgeschrieben, und der Tee daneben ist wieder kalt geworden. Falls du gerade an genau diesem Punkt feststeckst: Leg deine beiden Versionen nebeneinander, lies sie laut, und schau ehrlich hin, welche der beiden wirklich von dir handelt.