Wieder am Steuer

Alkoholfrei bleiben bei Firmenevents: Meine Strategie für die Zeit vor der MPU

Das Kondenswasser an der kalten Glaswand lief mir über die Finger, während der Chef mit einem Glas Riesling anstieß. Ich stand an einem wackeligen Stehtisch, mitten im Dezember, die Hand klamm vom Eiswasser mit Limette. Meine Kehle war trocken vor lauter Panik, dass gleich jemand fragen würde: „Trinkst du gar nichts Richtiges?“

Das Firmenfest als Minenfeld: Wenn jeder Toast zur Zerreißprobe wird

Kaltes Glas Wasser mit Limettenscheibe und Kondenswasser auf dunklem Tisch

Wer mitten in den Vorbereitungen für eine MPU wegen Alkohol steckt, kennt dieses beklemmende Gefühl. Bei mir war es die Weihnachtsfeier Mitte Dezember, knapp vier Monate nach jener verhängnisvollen Samstagnacht im Spätsommer, als ich mit 1,4 Promille meinen Führerschein direkt am Straßenrand abgeben musste. Die formale Aufforderung zur MPU lag seit November in meiner Ablage in Neuhausen. Mir war klar: Mein Weg zurück ans Steuer führt nur über glasklare Disziplin.

In den offiziellen Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung ist je nach Einstufung ein standardisierter Abstinenznachweis von 6 bis 12 Monaten fest verankert. Jede Urinkontrolle, jede Haaranalyse misst den EtG-Wert gnadenlos. Ein einziger unbedachter Schluck, ein dummer Moment der Schwäche, und die monatelang gesammelten Nachweise verfallen wie wertloses Papier. Doch im Büroalltag weiß niemand von meinem Gerichtsbescheid oder der bevorstehenden Begutachtung. Für meine Kollegen war ich einfach die Office Managerin, die sonst beim Sommerfest gern beim Prosecco mitgelacht hat.

Ein Firmenabend ist unter diesen Umständen kein Vergnügen, sondern ein soziales Minenfeld. Überall stehen Tabletts mit Begrüßungsgetränken. Kolleginnen drängen einem Gläser auf, Vorgesetzte wollen auf das Quartalsergebnis anstoßen. Ich stand da in meiner schwarzen Bluse, starrte auf die schäumenden Gläser und fühlte mich wie eine Betrügerin, die kurz davor war, enttarnt zu werden. Wer sich in einer solchen Phase befindet, kämpft oft mit gewaltigen inneren Spannungen — ähnlich wie ich es neulich beschrieben habe, als es um meine Tipps für den Umgang mit Suchtdruck während der MPU Abstinenzzeit ging.

Ich möchte an dieser Stelle ganz deutlich sagen: Ich bin keine Verkehrspsychologin, keine Suchttherapeutin und gebe keine Rechtsberatung. Ich bin eine 36-jährige Frau, die einen gravierenden Fehler gemacht hat und nun lernt, ihr Leben ohne Betäubung neu zu sortieren. Wer akute Probleme hat, das eigene Trinkverhalten zu kontrollieren, sollte sich unbedingt an eine professionelle Beratungsstelle oder einen Facharzt wenden.

Meine Taktik: Das Prinzip des vollen Glases und die 0,5-Prozent-Falle

Aufgeschlagenes Notizbuch mit handschriftlichen Notizen zur MPU Vorbereitung auf Holzparkett

Nach jenem zittrigen Abend im Dezember habe ich für spätere Anlässe — wie ein informelles Team-Essen Ende Februar — ein klares Verhaltensmuster entwickelt. Die wichtigste Regel für mich lautet: Niemals mit leeren Händen dastehen. Wer mit leeren Händen am Rand steht, wird zwangsläufig gefragt: „Kann ich dir was bringen?“ Wer aber bereits ein Glas in der Hand hält, wird weitgehend in Ruhe gelassen.

Mein Standard-Getränk wurde Sodawasser mit einer Scheibe Zitrone oder Gurke in einem bauchigen Tumbler. Von außen sieht es exakt aus wie ein Gin Tonic oder ein erfrischender Longdrink. Niemand schaut so genau hin, niemand riecht an deinem Glas. Diese visuelle Tarnung nimmt den sozialen Druck völlig heraus, ohne dass man lügen oder endlose Ausreden erfinden muss.

Doch Vorsicht vor einer scheinbar einfachen Lösung: dem sogenannten „alkoholfreien“ Bier oder Wein. Viele wissen nicht, dass nach dem deutschen Lebensmittelrecht Getränke mit der Kennzeichnung „alkoholfrei“ bis zu 0.5 % Vol. Restalkohol enthalten dürfen. Bei einem strikten Abstinenzprogramm mit engmaschigen EtG-Screenings raten Verkehrspsychologen aus gutem Grund davon ab. Der Körper baut kleinste Spuren zwar schnell ab, aber das Risiko von Messbarkeiten oder — noch gefährlicher — dem Wiederanstoßen des Suchtgedächtnisses durch typischen Biergeschmack ist real. Wenn ich heute etwas trinke, das nach Bier schmecken soll, dann ausschließlich mit der expliziten Kennzeichnung „0,0 %“. Und selbst da war ich anfangs vorsichtig.

Es gab Abende, an denen meine Strategie wackelte. Bei einer Geburtstagsfeier im Büro stellte ich mir einmal demonstrativ ein Glas Sekt vor mich auf den Schreibtisch, nur damit niemand dämliche Fragen stellt. Ich habe keinen Tropfen davon getrunken, aber als ich später mit der U7 Richtung Westfriedhof fuhr, schämte ich mich in Grund und Boden. Es war ein riskanter, völlig überflüssiger Test meines eigenen Willens. Über solche Rückschläge und Selbsttäuschungen habe ich ausführlich nachgedacht, als ich aufgeschrieben habe, was ich aus meinen schlechten Tagen im MPU Tagebuch über mich lerne.

Der Perspektivwechsel: Trockenübungen statt totaler Isolation

Ruhige abendliche Küchenecke mit weichem Licht durch Vorhänge und sauberem Glas

Viele Ratgeber empfehlen Abstinenzlern in der MPU-Vorbereitung, Feiern in den ersten sechs Monaten komplett zu meiden. Doch das Leben lässt sich nicht ein halbes Jahr lang in ein Einmachglas sperren. Wer sich völlig isoliert, baut eine gigantische Angst vor dem ersten unausweichlichen Event auf. Genau hier hat mir ein ganz anderer Gedanke geholfen.

Statt Alkoholfreies strikt zu meiden, kann die gezielte Konfrontation mit 0,0-Alternativen im geschützten Rahmen das Selbstvertrauen für Firmenevents besser stärken als totale Abstinenz-Isolation. Ich habe das im Frühjahr ausprobiert: Ich bin mit einer guten Freundin in ein belebtes Café am Rotkreuzplatz gegangen und habe ganz bewusst 0,0%-Cocktails und Mineralwasser bestellt, während um uns herum Aperol getrunken wurde. Das war eine geschützte „Trockenübung“. Ich habe gelernt, wie es sich anfühlt, nüchtern im Stimmengewirr zu sitzen, die eigene Anspannung im Brustkorb wahrzunehmen und festzustellen: Die Welt geht nicht unter.

Als dann an einem Donnerstagabend im Frühsommer das große Abteilungsessen anstand, war ich vorbereitet. Ich musste mich nicht verstecken. Ich bestellte selbstbewusst mein Wasser mit Minze und später ein echtes 0,0%-Bier. Und dabei fiel mir etwas Entscheidendes auf: Die Kollegen waren viel zu sehr mit ihren eigenen Geschichten, Projekten und Handys beschäftigt, als dass sie mein Glas kontrolliert hätten. Die Paranoia existierte fast nur in meinem eigenen Kopf.

Wenn mich doch mal jemand fragte, warum ich nichts Trinke, brauchte ich keine komplizierten Märchen über angebliche Antibiotika. Ein kurzes, beiläufiges „Ich möchte heute einfach einen klaren Kopf behalten, ich schlafe sonst so schlecht“ reichte in neunundneunzig Prozent der Fälle völlig aus. Niemand hakt nach, wenn man die Antwort ohne zitternde Stimme gibt.

Rückkehr auf den Küchenboden in Neuhausen: Was der Gutachter wirklich wissen will

Jetzt sitze ich wieder hier auf meinem Küchenboden in Neuhausen. Neben mir steht eine Tasse Pfefferminztee, längst kalt geworden, und mein Notizbuch liegt aufgeschlagen vor mir. Wieder ist eine Woche geschafft, wieder ein kleiner grüner Haken hinter den abstinenten Tagen.

Im psychologischen MPU-Gespräch geht es nicht darum, dem Gutachter ein fehlerfreies Schauspiel vorzuspielen. Die Gutachter bohren ganz gezielt nach: „Wie reagieren Sie auf Firmenfesten?“, „Was tun Sie, wenn Ihnen jemand ein Glas anbietet?“, „Wie gehen Sie mit Druck im sozialen Umfeld um?“. Wer dann antwortet: „Ich gehe einfach nie wieder auf Feiern“, wirkt unglaubwürdig und unvorbereitet. Die Begutachtung verlangt den Nachweis von echtem Trennungsvermögen, stabiler Verhaltensänderung und funktionierender Rückfallprophylaxe im realen Leben.

Zu lernen, wie ich nüchtern an einem Stehtisch stehe, den Kollegen beim Weintrinken zuschaue und um zehn Uhr abends vollkommen entspannt und mit klarem Kopf zur U-Bahn gehe, hat mir mehr Selbstrespekt zurückgegeben als jeder vermiedene Termin. Es beweist mir selbst, dass ich mich verändere — Schritt für Schritt, Woche für Woche.

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