Wieder am Steuer

Meine Tipps für den Umgang mit Suchtdruck während der MPU Abstinenzzeit

Der kalte Tee und die schwarzen Punkte

Ich sitze gerade wieder auf dem Boden meiner Küche in Neuhausen. Der Tee neben mir ist längst kalt geworden – eine dieser Mischungen, die nach 'innerer Ruhe' klingen sollen, aber eigentlich nur nach Heu schmecken. Vor mir liegt mein Notizbuch. Ich fahre mit den Fingerspitzen über das raue Papier. Es ist ein fast schon rituelles Gefühl geworden, jeden Sonntagabend die vergangene Woche Revue passieren zu lassen. Inzwischen sind es so viele Wochen, dass ich fast den Überblick verliere, aber die kleinen schwarzen Punkte, mit denen ich die harten Tage markiere, stechen immer noch hervor.

Diese Woche gab es zwei dieser Punkte. Es war nicht so, dass ich kurz davor war, in den nächsten Kiosk zu rennen und mir einen Flachmann zu kaufen. So ist es bei mir nicht. Es ist eher dieses schleichende Gefühl. Ein Ziehen. Ein Flüstern im Hinterkopf, das sagt: 'Komm schon, nur ein Glas, um den Stress der Office-Woche zu vergessen.' Seit ich im letzten November diesen offiziellen Brief der Führerscheinstelle im Briefkasten hatte, ist mein Leben ein Parcours aus Terminen, Abstinenznachweisen und der ständigen Frage nach meiner charakterlichen Eignung.

Suchtdruck ist ein hässliches Wort, oder? Es klingt so nach Bahnhofsmission und totalem Kontrollverlust. Aber für mich fühlt es sich oft ganz anders an – subtiler, fast schon alltäglich. Und weil ich weiß, wie einsam man sich damit fühlen kann, während man auf die U7 Richtung Westfriedhof wartet und die Werbung für ein kühles Helles anstarrt, wollte ich heute mal aufschreiben, was mir wirklich hilft. Und nein, ich bin keine Therapeutin oder Verkehrspsychologin. Ich bin nur die Frau aus dem zweiten Stock, die mit 1,4 Promille erwischt wurde und jetzt versucht, ihr Leben wieder geradezurücken.

Wenn der Rotkreuzplatz zur Mutprobe wird

Vor ein paar Wochen war es besonders schlimm. Es war einer dieser lauen Abende am Rotkreuzplatz. Die Leute saßen draußen, lachten, die Gläser klirrten. Ich war auf dem Weg nach Hause und plötzlich schlug der Suchtdruck wie eine Welle zu. Ein flaues Gefühl im Magen breitete sich aus, meine Hände wurden feucht. Der Geruch von frisch gezapftem Bier wehte aus einer offenen Kneipentür direkt zu mir herüber. In diesem Moment fühlte ich mich, als hätte ich keine Haut – als wäre ich schutzlos.

Früher hätte ich das einfach weggedrückt. Ich hätte mir gesagt, dass ich mich nicht so anstellen soll. Aber meine Verkehrspsychologin hat mir in einem unserer Lehrgespräche etwas beigebracht, das ich erst gar nicht glauben wollte: Widerstand macht den Druck oft nur schlimmer. Wenn man versucht, ein Gefühl mit aller Kraft unter Wasser zu drücken, kommt es irgendwann mit doppelter Wucht wieder hoch und spritzt einem direkt ins Gesicht.

Ich habe gelernt, diesen Momenten einen Namen zu geben. 'Ah, hallo Suchtdruck, da bist du ja wieder.' Das klingt total bescheuert, ich weiß. Aber es nimmt dem Ganzen die Macht. Ich stehe dann da, mitten in Neuhausen, atme den Geruch von Hopfen und Abgasen ein und akzeptiere einfach, dass mein Körper gerade nach dem alten Muster verlangt. Es ist ein biologisches Signal, kein moralisches Versagen. Mein Gehirn erinnert sich halt an die 1,4 Promille von der Hochzeit im Spätsommer 2025 und denkt, das wäre die Lösung für den Feierabend-Stress.

Die 15-Minuten-Regel und das HALT-Prinzip

Was mache ich also konkret, wenn die Welle kommt? Ich habe mir eine Strategie zurechtgelegt, die ich auch in meinem Workbook zur Vorbereitung gefunden habe. Ich nenne sie die 15-Minuten-Regel. Suchtdruck ist wie ein Gewitter – er ist intensiv, aber er hält meistens nicht ewig an. Wenn ich merke, dass der Impuls kommt, sage ich mir: 'Ich entscheide in 15 Minuten neu.' In dieser Zeit mache ich irgendetwas anderes. Ich gehe weiter, ich rufe jemanden an (der natürlich nichts von der MPU weiß, weil ich es immer noch nicht jedem erzählt habe), oder ich gehe im Kopf die Einkaufsliste durch.

Meistens ist der schlimmste Druck nach zehn Minuten vorbei. Es ist faszinierend, wie das Gehirn funktioniert, wenn man ihm nicht sofort gibt, was es will. Um besser zu verstehen, warum diese Momente überhaupt kommen, nutze ich oft das HALT-Prinzip. Das habe ich mir groß vorne in mein Tagebuch geschrieben. HALT steht für:

Letzten Dienstag war es 'Einsamkeit'. Ich saß in der Wohnung, hatte eine ungeöffnete Mail von meiner ehemaligen Lieblings-Bar im Postfach (irgendein Newsletter, den ich vergessen hatte abzubestellen) und fühlte mich isoliert. In solchen Momenten hilft es mir, mir klarzumachen, warum mir die Einsamkeit am Sonntagabend bei meiner MPU Aufarbeitung hilft – auch wenn es weh tut. Es zwingt mich dazu, mich mit mir selbst zu beschäftigen, statt mich zu betäuben.

Der ETG-Wert und die Angst vor dem Scheitern

Ein großer Teil des Drucks kommt bei mir auch von der Angst. Ich lebe in der ständigen Sorge, dass irgendetwas schiefgeht. Dass mein Abstinenznachweis plötzlich nicht mehr sauber ist, obwohl ich nichts getrunken habe. Ich weiß, dass der EtG-Grenzwert für Haaranalysen bei 7 pg/mg liegt. Das ist verdammt wenig. Jedes Mal, wenn ich beim Friseur bin oder mir eine neue Handcreme kaufe, scanne ich die Inhaltsstoffe nach Alkohol. Das ist manchmal fast schon paranoide Züge an, aber es gehört jetzt zu meinem Leben.

Ich habe für mich entschieden, 12 Monate Abstinenz zu belegen. Das ist eine lange Zeit. Ein ganzes Jahr voller Geburtstage, Weihnachtsfeiern und Sommertage im Englischen Garten ohne ein einziges Radler. Es gab Momente, da habe ich versagt – nicht beim Trinken, aber bei meiner Einstellung. Letzten Freitag bei einer kleinen Büro-Feier habe ich mir ein Glas Sekt vor mich hingestellt, nur damit niemand fragt, warum ich nichts trinke. Ich habe es nicht angerührt. Ich habe es nach zehn Minuten in einer Pflanze ausgeleert, als niemand hingesehen hat. Aber es war ein dummer Test. Ein Risiko, das ich nicht hätte eingehen müssen. Es hat mir gezeigt, dass mein 'Trennungsvermögen' noch nicht so stabil ist, wie ich dachte.

An solchen Tagen hilft mir mein MPU-Masterplan-Workbook ungemein. Ich setze mich dann hin und arbeite ein Modul durch, auch wenn ich eigentlich nur die Zimmerdecke anstarren will. Es gibt mir eine Struktur. Es ist ein bisschen so, als würde ich als Office Managerin mein eigenes Leben verwalten. Ich sortiere die Gefühle in Ordner und schaue mir an, was noch fehlt. Wie das MPU Masterplan Workbook meine Vorbereitung am Sonntag strukturiert, ist für mich mittlerweile überlebenswichtig geworden, um nicht im Chaos meiner eigenen Vorwürfe zu versinken.

Akzeptanz statt Kampf: Ein neuer Weg

Hier kommt mein vielleicht wichtigster Tipp, auch wenn er sich erst mal falsch anfühlt: Hör auf zu kämpfen. Wenn du merkst, dass der Suchtdruck kommt, dann versuche nicht, ihn mit purer Willenskraft zu 'besiegen'. Das ist, als würdest du versuchen, eine Flutwelle mit den Händen aufzuhalten. Du wirst nur müde und am Ende überrollt sie dich trotzdem.

Ich probiere stattdessen etwas aus, das meine Verkehrspsychologin 'Surfen' nennt. Ich spüre den Druck, ich nehme wahr, wie mein Puls hochgeht, wie meine Gedanken nur noch um diesen einen Schluck kreisen. Und dann beobachte ich das einfach. Ich sage mir: 'Das ist jetzt gerade so. Es fühlt sich unangenehm an. Aber es geht vorbei.' Diese bewusste Akzeptanz ohne Gegenwehr senkt die neuronale Stressreaktion langfristig viel effektiver als ständige Ablenkungsmanöver. Es ist, als würde man dem Gehirn beibringen, dass der Alarm zwar laut ist, aber kein echtes Feuer brennt.

Natürlich bin ich keine Expertin. Wenn ihr merkt, dass der Druck zu groß wird oder ihr Angst habt, rückfällig zu werden, dann sucht euch bitte professionelle Hilfe. Es gibt Suchtberatungsstellen in München, die toll sind, oder anonyme Gruppen. Ein Tagebuch wie meines ersetzt keine Therapie und auch keine rechtliche Beratung durch einen Anwalt für Verkehrsrecht.

Woche für Woche zum Ziel

Es ist jetzt fast Mitte Oktober 2026. Wenn ich in mein Notizbuch schaue, sehe ich die Fortschritte. Die Wochen ohne Alkohol summieren sich. Die Zahl der schwarzen Punkte wird weniger, auch wenn sie nie ganz verschwinden werden. Suchtdruck gehört zu meiner Geschichte dazu, genau wie die Nacht im Spätsommer 2025, in der ich meinen Führerschein an der Straße abgeben musste.

Jeder Sonntagabend hier auf dem Küchenboden ist ein kleiner Sieg. Jeder überstandene Moment am Rotkreuzplatz bringt mich näher an das positive Gutachten. Manchmal liege ich danach noch lange auf dem Sofa und schaue die Zimmerdecke an, aber das Gefühl ist anders geworden. Es ist nicht mehr nur Verzweiflung. Es ist eine Art von Stolz, die ich früher nicht kannte. Ich lerne mich gerade ganz neu kennen – ohne den Filter von Alkohol.

Falls du gerade in einer ähnlichen Situation steckst: Du bist nicht allein damit. Auch wenn es sich in der U7 nach Westfriedhof manchmal so anfühlt. Atme tief durch. Gib dir 15 Minuten. Und dann schau mal, was passiert. Wir schaffen das, Punkt für Punkt.

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