
Zehn Minuten. Länger habe ich in einer gebuchten Einzelstunde bei einem Psychiater nicht durchgehalten, bevor ich das Thema gewechselt habe, von Alkohol auf Schlafprobleme, dann auf irgendetwas mit meinem alten Job. Ich hatte mir den Termin extra genommen, weil die Motivation für die gesamte MPU-Vorbereitung an dem Tag komplett weg war, und am Ende konnte ich selbst nicht mehr sagen, worüber wir eigentlich gesprochen hatten.
In der MPU-Vorbereitung geistert ein Satz herum, den ich ständig lese, in Foren und in Kommentaren unter meinem Neuhausen-Tagebuch: Wenn die Motivation sinkt, ist das der erste Schritt zurück zum Trinken. Lange habe ich genau das geglaubt — dass ein Motivationstief eine Art Alarmsignal ist, das zeigt, wie wacklig meine Alkohol-Abstinenz eigentlich steht. Meine Verkehrspsychologin sieht das anders, und mittlerweile sehe ich es auch anders.
Der Mythos vom Motivationstief in der MPU-Vorbereitung
Der Mythos lautet: Wer durchgehend hochmotiviert bleibt, ist auf einem guten Weg, und wer plötzlich keine Lust mehr hat, gefährdet alles. Im psychologischen Gespräch hat meine Verkehrspsychologin das anders sortiert. Für sie ist ein Motivationstief kein Vorbote eines Rückfalls, sondern schlicht Erschöpfung, die mit der eigentlichen Entscheidung wenig zu tun hat. Mein Abstinenznachweis liegt weiterhin lückenlos vor, ganz unabhängig davon, ob ich an einem bestimmten Tag überhaupt Lust auf die ganze Prozedur habe — und genau das zählt am Ende mehr als das Gefühl dabei.
Nicole, eine Bekannte aus meinem Fitnessstudio in Neuhausen, hat mir vor Kurzem auf der Augustenstraße genau das erklärt, als wir zufällig nebeneinander an der Ampel standen. Erschöpfung ist ihrer Erfahrung nach viel öfter der eigentliche Auslöser für einen Rückfall als ein bewusster Entschluss, wieder zu trinken. Sie hat selbst ein Jahr auf Alkohol verzichtet und kennt das Gefühl, wenn der Kopf leer ist und der Körper nur noch schlafen will. Über Willenskraft redet jeder. Über die Momente, in denen man einfach nur müde ist, redet fast niemand.

Weniger Antrieb bedeutet nicht automatisch mehr Rückfallgefahr
Nein, zumindest nicht automatisch.
Trennungsvermögen bedeutet nicht, dass man sich immer gut fühlt, wenn man auf Alkohol verzichtet. Es bedeutet, dass man die schlechte Stimmung von der eigentlichen Entscheidung trennen kann, egal wie stark beides sich gerade anfühlt, als würde es zusammengehören. Ich habe zwischenzeitlich Phasen erlebt, in denen mir die gesamte MPU-Vorbereitung wie eine sinnlose Pflichtübung vorkam, und trotzdem hat sich an meiner Abstinenz nichts geändert.
Benjamin, ein früherer Leser aus Laim, hat mir genau in so einer Phase geschrieben — knapp, wie meistens bei ihm, aber mit einem konkreten Hinweis statt der üblichen Aufmunterung. Ich solle die Nachweise einfach machen, ohne auf ein gutes Gefühl dabei zu warten, das Gefühl käme sowieso erst hinterher, wenn überhaupt. Das saß mehr als jedes „du schaffst das schon", das ich sonst zu hören bekomme.
Erschöpfung ist das eigentliche Risiko, nicht die Lustlosigkeit
Was mich im Spätsommer mit 1.4 Promille erwischt hat, war am Ende weniger die Menge Alkohol als die Erschöpfung eines Wochenendes, das ich nicht abbrechen konnte. Das hat nichts mit einer aktuellen Prüfung meiner charakterlichen Eignung zu tun, aber es zeigt mir bis heute, dass Müdigkeit bei mir immer der erste Türöffner war — nicht der Wunsch nach dem Rausch selbst.

Den ETG-Wert sauber zu halten, wenn gerade nichts in einem nach Disziplin schreit, ist die eigentliche Übung — nicht das Durchhalten an einem Tag mit guter Laune. Ich habe an anderer Stelle ausführlicher über meine Suche nach den inneren Motiven geschrieben, falls dich interessiert, was hinter dem Trinken damals wirklich stand.
Ein System für Tage ohne Motivation bauen
Wenn die Lust komplett fehlt, halte ich mich an drei Dinge, die nichts mit Gefühl zu tun haben. Der Abstinenznachweis muss lückenlos bleiben, egal wie der Tag war. Die gesetzliche Grenze für absolute Fahruntüchtigkeit liegt bei 1.1 Promille, ich war mit 1.4 deutlich darüber, und daran lässt sich nichts schönreden. Und ein einzelner schlechter Tag ist kein Grund, die gesamte Vorbereitung über Bord zu werfen — er bekommt einen Punkt im schlechte-Tage-Protokoll, und damit ist die Sache für diesen Tag erledigt.
Schaue ich nüchtern auf meine eigene Trinkanamnese zurück, war Erschöpfung öfter der Auslöser als jede große Krise, und genau deshalb bringt mir die Abwägung zwischen kontrolliertem Trinken und Abstinenz an solchen Tagen gar nichts mehr — die Entscheidung steht längst, ein Motivationstief ändert daran nichts.

Auf Feiern hilft mir manchmal eine simple Ablenkung. Ich habe meine Erfahrungen zu alkoholfreien Getränken während der Vorbereitung an anderer Stelle zusammengefasst, falls du gerade auch nach Alternativen suchst — eine gute Option in der Hand nimmt an einem schwachen Abend erstaunlich viel Druck raus.
Nach Mitternacht brummt der Kühlschrank in meiner Wohnung auffällig lauter als tagsüber, obwohl sich technisch nichts verändert hat, nur die Wohnung drumherum ist leiser geworden, und plötzlich hört man jedes Geräusch, das man sonst überhört. Genau in solchen Momenten merke ich, wie wenig das eigentliche Gefühl mit dem zu tun hat, was ich trotzdem tue.
Der eigentliche Test der MPU-Vorbereitung findet nicht an den Tagen mit guter Laune statt, sondern an denen, an denen einem alles egal ist und die Nachweise trotzdem pünktlich fertig werden. Wer auf das gute Gefühl wartet, bevor er weitermacht, wartet oft vergeblich. Das System muss auch ohne dieses Gefühl funktionieren, sonst ist es kein System, sondern nur eine Stimmung.