Wieder am Steuer

Trinkgewohnheiten für die MPU reflektieren: Ein Blick in mein Notizbuch

Die Frage, ob es eigentlich als Abstinenz zählt, wenn im Kühlschrank nur noch alkoholfreies Bier steht, aber du trotzdem jeden Abend eine Flasche aufmachst, habe ich mir bei meiner Selbstreflexion zu alten Trinkgewohnheiten drei Monate lang nicht gestellt, obwohl sie für meine Alkohol-MPU der wichtigste Punkt überhaupt sein sollte. Ich habe einfach angenommen: kein Promille drin, also zählt es als Fortschritt. Mein Notizbuch – mein Tagebuch für die MPU-Vorbereitung – hat dazu inzwischen eine ziemlich unbequeme Meinung, aber dazu komme ich gleich.

Kurzer Hinweis, bevor es weitergeht: In diesem Tagebuch stehen Affiliate-Links zu dem Workbook, das ich selbst benutze. Kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Ich bin weder Verkehrspsychologin noch Anwältin – bei rechtlichen Fragen brauchst du einen Fachanwalt für Verkehrsrecht, bei tieferliegenden Problemen die Suchtberatung.

Drei Monate alkoholfreies Bier: ein Irrtum in meinen Trinkgewohnheiten

Selbstreflexion bei den eigenen Trinkgewohnheiten klingt nach etwas, das man einmal macht und dann abhakt. Bei mir war es eher ein Umweg mit Anlauf. Nach der Aufforderung im November habe ich beschlossen, konsequent zu sein, und drei Monate lang ausschließlich alkoholfreies Bier gekauft. Die Flaschen sahen gleich aus, das Ritual am Kühlschrank fühlte sich gleich an, und ich habe mir eingeredet, das sei mein Abstinenznachweis in Wartestellung.

Meine Verkehrspsychologin hat das anders gesehen. Es geht bei der Abstinenz nicht um das Fehlen von Promille im Glas, sondern darum, das ganze Ritual loszulassen – den Griff zur Flasche als Belohnung, als Feierabend-Signal. Drei Monate lang habe ich genau dieses Ritual weiter trainiert, nur mit einem harmloseren Getränk. Das war kein Fortschritt. Das war eine sehr gut getarnte Wiederholung.

Ein Anruf, auf den man nicht vorbereitet ist

In Woche 6 ohne Führerschein klingelte an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag mein Handy, und auf dem Display stand der Name der Begutachtungsstelle. Keine Vorwarnung, keine Gesprächsübung aus dem Workbook im Kopf, keine Zeit, mir vorher eine Antwort auf die unangenehmen Fragen zurechtzulegen. Ich bin einfach rangegangen, mitten im Treppenhaus, mit Einkaufstüten in beiden Händen. Und ich habe ruhig gesprochen, ohne Zittern in der Stimme, ohne Blackout bei den Terminfragen.

Genau dieser Moment hat mir mehr gezeigt als jede Übung zuvor. Wochen davor hätte mich so ein Anruf komplett aus der Bahn geworfen – Herzrasen, eine Ausrede, ein Rückruf, den ich dann doch nicht mache. Woche 6 fühlte sich stattdessen wie ein normaler Dienstagnachmittag an, nur mit einem etwas offizielleren Anruf dazwischen. Kleine Sache, großer Unterschied.

Am Zapfhahn eine Entscheidung treffen, keine Superkraft beweisen

Drei Abende die Woche stehe ich in einem Bistro in Neuhausen und serviere genau das Getränk, das mich in diese Lage gebracht hat. Meiden ist für mich keine Option, seit ich meinen Job als Office Managerin verloren habe. Was meine Verkehrspsychologin „Trennungsvermögen" nennt, ist für mich im Alltag simpler: die Fähigkeit, Gläser zu tragen, ohne selbst eins zu wollen.

Ein Gast hat mir letzten Monat ein Trinkgeld hingelegt und gesagt, ich solle doch selbst einen mittrinken, ich sähe geschafft aus. Für eine Sekunde war da der alte Reflex, die Hand schon fast am Zapfhahn. Dann habe ich freundlich abgelehnt und den Moment noch am selben Abend mit einem dicken Ausrufezeichen in mein Notizbuch eingetragen.

Notizbuch-Nahaufnahme mit notierter Promillezahl als Teil der Trinkgewohnheiten-Selbstreflexion für die Alkohol-MPU

Zahlen, Begriffe und Punkte in meinem Sonntagabend-Notizbuch

Manche Sonntage sind reine Buchhaltung: ein kleiner Punkt für einen schlechten Tag, ein Häkchen für einen guten, keine Wertung dazwischen. Diese Punkte sagen mir mehr über meine echten Trinkanlässe als jede nachträgliche Erklärung, die ich mir zurechtlegen würde.

Begutachtungsleitlinien tauchen in meinem Notizbuch nur als Randnotiz auf, weil ich sie nicht wirklich verstehe und mir das auch keiner erklären muss, solange meine Verkehrspsychologin es tut. Direkt daneben steht Akteneinsicht, ein Wort, das ich mir bewusst für später aufgehoben habe, wenn die Vorbereitung näher an den Termin rückt. Vom Reaktionstest weiß ich bisher nur aus zweiter Hand, dass er angeblich schneller vorbei ist, als man denkt. Und dann war da noch die Kollegin im Bistro, die mich neulich fragte, ob kontrolliertes Trinken für mich nicht auch reichen würde – für mich persönlich ist die Antwort nein.

Das eigentliche psychologische Gespräch bei der MPU selbst liegt noch vor mir, und allein der Gedanke daran macht jeden Sonntagabend ein bisschen ernster.

Leberwerte kommen bei mir nur am Rand vor, den Abstinenznachweis liefere ich auf einem anderen Weg. Bislang sind alle Werte sauber gewesen, und jedes Mal, wenn das Ergebnis kommt, halte ich kurz die Luft an, bevor ich die Mail öffne.

Melanie hört zu, ohne zu urteilen

Meine beste Freundin Melanie hat am Mittwoch angerufen, nur um zu fragen, wie die Woche war. Sie erzählt mir dann öfter von ihren eigenen miesen Tagen im Büro, nicht damit ich mich besser fühle, sondern damit ich merke, dass schlechte Tage kein Alleinstellungsmerkmal von mir sind. Das hilft mehr, als sie vermutlich ahnt.

Am Telefon habe ich ihr von dem Anruf der Begutachtungsstelle erzählt, und sie hat nur gesagt: Klingt, als wärst du mittlerweile die Ruhigere von uns beiden. Ich habe gelacht, weil das vor einem halben Jahr eine ziemlich absurde Aussage gewesen wäre.

Abendlicher Blick aus dem Fenster in München-Neuhausen als Sinnbild für die Trinkgewohnheiten-Reflexion nach der Alkohol-MPU-Anordnung

Markus kennt die Fragen, die ich noch fürchte

Markus habe ich beim MPU-Infoabend kennengelernt, als er allein neben dem Kekstisch stand und auf sein Handy geschaut hat, genauso verloren wie ich mich selbst gefühlt habe. Er ist in seiner Vorbereitung inzwischen weiter als ich und erzählt offen, was ihn dabei überrascht hat – zuletzt, wie wenig die Sperrfrist eigentlich mit seiner MPU-Auflage zu tun hat. Auf dem Küchenboden habe ich mir das trotzdem notiert, weil ich die beiden Begriffe bis dahin ständig verwechselt hatte.

Die mintgrünen Fliesen fühlen sich unter mir kalt und hart an, wie jeden Sonntag. Neben mir steht meine blaue Tasse mit dem Sprung am Henkel, der Tee darin ist längst ausgekühlt, und das Workbook lehnt am Stuhlbein des Küchenstuhls, während das schwarze Notizbuch aufgeschlagen vor mir liegt. Alle zwölf Minuten spüre ich das gedämpfte Rumpeln der U-Bahn zwei Straßen weiter, ein Rhythmus, nach dem ich mittlerweile fast die Uhrzeit schätzen könnte.

Ich habe mich in dieser Ecke schon oft gefragt, was mit mir eigentlich los ist: Bin ich Alkoholiker?, oder war es doch nur eine sehr lange Phase, die komplett aus dem Ruder gelaufen ist. Eine endgültige Antwort habe ich immer noch nicht, aber die Frage kommt mittlerweile ohne Panik.

MPU-Vorbereitung mit dem Workbook griffbereit auf dem Sofa während der Selbstreflexion

Was Woche 6 mir wirklich gebracht hat

Der Spaziergang zum U-Bahnhof Westfriedhof ist mein Ersatz für die Bar geworden, an manchen Abenden mit Kopfhörern, an anderen ohne. Die Suche nach den wahren Gründen für den Konsum läuft nebenbei mit, während ich über den Bahnsteig laufe und darauf warte, dass der Zug einfährt.

Eine Lektion aus Woche 6 nehme ich in jede kommende Woche mit: Fortschritt zeigt sich selten in den großen, geplanten Momenten, sondern in den kleinen, ungeplanten – einem Anruf, den ich nicht kommen sah, einer Ablehnung am Tresen, die keine Überwindung mehr gekostet hat. Wer auf den einen großen Durchbruch wartet, verpasst wahrscheinlich die Woche, in der er längst leise passiert ist.

Zum /out/main greife ich inzwischen wieder jeden Sonntag, auch wenn Modul 3 mich zwischenzeitlich fast zum Aufgeben gebracht hätte. Es ist kein Wundermittel, eher wie eine Freundin, die genau die Fragen stellt, die ich lieber umgehen würde. Falls du gerade an einer ähnlichen Stelle sitzt, mit kaltem Tee und einem Notizbuch, das sich nicht von allein schreibt: Wir lesen uns nächsten Sonntag.

Leere Gläser auf einem Tablett im Münchner Bistro als Sinnbild für alte Trinkgewohnheiten während der MPU-Vorbereitung

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