
Der Pfefferminztee ist schon wieder eiskalt geworden. Er steht da auf dem Holzboden in meiner Küche in Neuhausen, direkt neben meinem Notizbuch, und ich starre auf die kleinen blauen Punkte, die ich in den letzten Wochen dort hineingemalt habe. Jeder Punkt steht für einen dieser Tage, an denen die Geduld einfach weg war. Weggelaufen, irgendwohin in Richtung Rotkreuzplatz, während ich hier saß und mich gefragt habe, warum das alles so unendlich lange dauert. Es ist jetzt September 2026, und wenn ich zurückblicke auf den Spätsommer 2025, auf diese Hochzeit, nach der ich mit 1.4 Promille gestoppt wurde, fühlt es sich an wie ein anderes Leben – und gleichzeitig wie gestern.
Ich weiß noch, wie ich im letzten November diesen Brief im Briefkasten hatte. Die formale Aufforderung zur MPU. Mein erster Impuls als ehemalige Office Managerin? Projektplan erstellen. Fristen setzen. Meilensteine definieren. Ich dachte, ich könnte diese ganze Sache einfach „wegarbeiten“. Ich dachte, wenn ich nur schnell genug alle Kurse mache und meine Ethylglucuronid-Werte (ETG) sammle, dann habe ich meinen Schein im Handumdrehen zurück. Aber die MPU ist kein Projekt, das man mit Überstunden beschleunigen kann. Sie ist ein Prozess, der Zeit frisst. Und das ist verdammt hart zu akzeptieren, wenn man gewohnt ist, den Terminkalender von dreißig Leuten im Griff zu haben, aber plötzlich nicht mal kontrollieren kann, wann das nächste Laborergebnis im Briefkasten landet.
Das „Projekt“ MPU und die harte Landung in der Realität
Anfangs dachte ich wirklich, ich bin schlauer als das System. Ich saß hier auf meinem Sofa, habe die Zimmerdecke angestarrt und gerechnet: Wenn ich jetzt sofort mit dem Abstinenznachweis anfange, dann bin ich in sechs Monaten durch. Aber so läuft das nicht. Bei 1.4 Promille – was übrigens deutlich über der Grenze von 1.1 Promille für die absolute Fahruntüchtigkeit liegt – schauen die Gutachter ganz genau hin. Die Frage ist nicht nur, ob man ein Jahr lang nichts trinkt. Die Frage ist, was in diesem Jahr im Kopf passiert ist.
Ich habe versucht, die Vorbereitung wie eine Inventur in der Firma anzugehen. Ich habe mir ein Workbook geschnappt, Module abgehakt, mir Sätze zurechtgelegt. Aber in den Sitzungen bei meiner Verkehrspsychologin merkte ich schnell: Mein „Trennungsvermögen“ – also die Fähigkeit, Trinken und Fahren strikt zu trennen – war nicht das einzige Problem. Das Problem war meine Einstellung dazu, warum ich überhaupt so viel getrunken hatte, dass ich bei 1.4 Promille noch dachte, ich könnte die U7 nach Westfriedhof stehen lassen und selbst fahren.

Warum Zeit der wichtigste Faktor für die charakterliche Eignung ist
Es gab diesen einen Moment im Frühling, da war ich total verzweifelt. Ich hatte das Gefühl, ich trete auf der Stelle. Ich hatte meine EtG-Screenings, ich war brav bei den Terminen, aber ich fühlte mich innerlich immer noch wie die Frau, die ihren Frust in der Bar in Neuhausen ertränkt hat. Meine Psychologin sagte damals etwas, das mich erst wütend gemacht hat: „Frau S., wenn Sie jetzt schon die MPU machen würden, würden Sie durchfallen. Nicht, weil Sie die Antworten nicht wissen, sondern weil Sie sie noch nicht fühlen.“
Das ist der Punkt, den viele (einschließlich mir am Anfang) nicht wahrhaben wollen: Die geforderte Abstinenzdauer von oft 12 Monaten ist nicht nur eine Schikane. Sie ist ein Schutzraum. Wer versucht, die Vorbereitung abzukürzen oder mit nur sechs Monaten Nachweisen in die MPU zu gehen, obwohl die Vorgeschichte tiefer geht, riskiert ein negatives Gutachten. Ein zu kurzer Zeitraum lässt die psychologische Aufarbeitung deiner Trinkmotive oft unglaubwürdig erscheinen. Der Gutachter denkt sich: „Schön, dass sie jetzt ein paar Monate nichts getrunken hat, aber ist das stabil?“ Stabilität braucht Zeit, um zu wachsen. Wie ein Baum, den man auch nicht am Stamm ziehen kann, damit er schneller wächst.
Ich musste lernen, dass Geduld hier bedeutet, die Leere auszuhalten. Die Abende, an denen ich früher einfach ein Glas Wein getrunken hätte, um den Stress im Büro zu vergessen. Jetzt sitze ich da, trinke Tee und muss den Stress aushalten. Oder ihn anders lösen. Das zu lernen, dauert nicht zwei Wochen. Das dauert Monate. Ich habe in dieser Zeit oft darüber nachgedacht, was nach der Aufforderung zur MPU im Briefkasten wirklich passiert, und realisiert, dass der Brief eigentlich erst der Startschuss für eine Reise zu mir selbst war, nicht nur zum Führerschein.
Der Tag, an dem mein „Test“ fast schiefging
Manchmal überschätzt man sich. Im letzten Monat war ich auf einer Geburtstagsfeier. Ich war schon Monate abstinent, fühlte mich sicher. Ich dachte mir: „Ich stelle mir einfach ein Glas Sekt vor mich hin, damit niemand fragt. Ich rühre es ja nicht an.“ Es war der dümmste Test, den ich mir hätte ausdenken können. Ich saß da, starrte auf die Perlen im Glas und plötzlich war dieser alte Impuls wieder da. Ganz kurz, ganz heftig. Ich habe das Glas dann stehen lassen und bin gegangen.
Auf dem Heimweg in der U-Bahn habe ich fast geweint. Nicht, weil ich fast getrunken hätte, sondern weil mir klar wurde: Ich bin noch nicht so weit, wie ich dachte. Meine „charakterliche Eignung“ war in diesem Moment noch eine Baustelle. Hätte ich die MPU eine Woche vorher gehabt, hätte ich dem Gutachter wahrscheinlich stolz erzählt, wie sicher ich mir bin. Und er hätte gemerkt, dass ich lüge – oder mich selbst belüge. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, warum man nichts überstürzen darf. Man muss diese Rückschläge im Trockenen erleben, um sie später im MPU-Gespräch ehrlich reflektieren zu können.
Ich bin keine MPU-Beraterin und auch keine Therapeutin. Ich bin nur jemand, die einmal richtig Mist gebaut hat und jetzt lernt, dass man das Leben nicht mit einer Excel-Tabelle fixen kann. Wenn du in einer ähnlichen Situation bist, such dir bitte professionelle Hilfe bei einer Suchtberatung oder einem qualifizierten Verkehrspsychologen. Ein Tagebuch wie meines ersetzt keine fachliche Vorbereitung, es hilft mir nur, den Kopf über Wasser zu halten.
Geduld ist kein Warten, sondern Arbeit
In den Wochen, in denen ich das Workbook nicht mal angerührt habe, weil ich einfach nur wütend auf mich selbst war, habe ich am meisten gelernt. Ich habe gelernt, dass die MPU-Vorbereitung eigentlich aus zwei Teilen besteht: Den technischen Kram (Termine, Screenings, Lehrmaterial) und den emotionalen Kram. Der emotionale Teil ist der, der die Geduld erfordert.
Ich habe angefangen, die Zeit ohne Auto anders zu sehen. Früher war die Fahrt zur Arbeit in die Innenstadt Stress pur. Heute ist der Weg mit der U-Bahn meine Zeit zum Lesen oder Nachdenken. Es ist ein langsamerer Rhythmus. Manchmal ist es immer noch nervig, besonders wenn es regnet und ich am Rotkreuzplatz auf den Bus warte, aber es hat mich geerdet. Ich merke, wie ich meine Einstellung zum Fahren ohne Alkohol neu bewerte, und das hätte ich nach drei Monaten Vorbereitung niemals so tiefgreifend sagen können wie jetzt nach über einem Jahr.
Die Geduld zahlt sich auch bei den Abstinenznachweisen aus. Es gibt nichts Nervöseres, als eine Lücke in der Belegkette zu haben, nur weil man zu hektisch war oder Termine falsch geplant hat. Ich habe mir angewöhnt, jeden Termin für die Urinabgabe oder Haaranalyse wie einen heiligen Termin zu behandeln. Keine Ausreden. Wenn das Labor anruft, springe ich. Auch wenn ich gerade mitten in einem Meeting stecke (oder jetzt bei meinen neuen Aufgaben in der Firma, die zum Glück nichts von meiner MPU-Odyssee wissen).
Ein paar Dinge, die mir helfen, geduldig zu bleiben:
- Keine Vergleiche: Nur weil jemand anderes im Forum schreibt, er hätte es in sechs Monaten geschafft, heißt das nichts für meine Geschichte. Jede Biografie ist anders.
- Kleine Siege feiern: Eine Woche ohne den Drang, abends zur Flasche zu greifen, ist ein blauer Punkt im Notizbuch wert.
- Ehrlichkeit: Wenn ich einen schlechten Tag habe, dann ist das so. Ich muss nicht so tun, als wäre ich die perfekte „geläuterte“ Autofahrerin, solange ich noch mitten im Prozess stecke.
Geduld bedeutet auch, zu akzeptieren, dass man manche Dinge nicht beschleunigen kann. Die MPU-Stelle braucht ihre Zeit für die Bearbeitung, das Labor braucht Zeit für den ETG-Wert, und die Seele braucht Zeit, um zu verstehen, dass der alte Weg in die Sackgasse geführt hat. Es ist ein bisschen wie das Navigieren ohne Karte im Nebel – man muss langsam gehen, um nicht vom Weg abzukommen.
Heute Abend ist es wieder ruhig in Neuhausen. Ich klappe mein Notizbuch zu. Morgen fängt eine neue Woche an, Woche 56 ohne Führerschein. Es ist okay. Ich bin nicht mehr so hektisch wie im letzten November. Ich weiß jetzt, dass die Zeit mein Verbündeter ist, nicht mein Feind. Denn wenn ich irgendwann wieder hinter dem Steuer sitze, will ich die Gewissheit haben, dass ich dort auch hingehöre – nicht nur, weil ich ein Papier in der Hand halte, sondern weil ich mich wirklich verändert habe.
Wenn du gerade erst am Anfang stehst und dich der Berg an Auflagen erdrückt: Atme durch. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Es bringt nichts, das Ziel zu erreichen, wenn man unterwegs die wichtigste Lektion verpasst hat. Und falls du dich fragst, wie du das alles neben dem Job schaffen sollst, ich habe mal aufgeschrieben, wie ich die MPU Vorbereitung neben dem Beruf organisiere. Es geht, Schritt für Schritt. Man muss nur anfangen – und dann geduldig bleiben.