
Ich sitze auf dem Dielenboden meiner Küche in Neuhausen, vor mir ein Berg aus ungeordneten Briefen und das Gefühl, dass mein altes Leben als organisierte Office Managerin gerade komplett zerbröckelt. Draußen quietscht die Tram Richtung Rotkreuzplatz, und ich starre auf den gelben Briefumschlag vom letzten November. Es ist verrückt – im Büro jongliere ich Termine für vierzig Leute, aber mein eigenes Leben ist seit dieser einen Samstagnacht im Spätsommer 2025, als ich mit 1,4 Promille angehalten wurde, ein einziges Durcheinander.
Der Tee neben mir ist längst kalt geworden. In meinem Notizbuch sind die letzten Wochen dokumentiert – abstinent gezählte Wochen, kleine rote Punkte für die Tage, an denen ich fast schwach geworden wäre. Ich bin keine MPU-Beraterin, keine Psychologin und ganz sicher keine Expertin für Recht. Ich bin nur eine 36-Jährige, die einmal richtig Mist gebaut hat und jetzt versucht, die Scherben aufzusammeln. Wenn du juristische Fragen hast, geh bitte zum Anwalt; wenn du ein Suchtproblem hast, such dir eine Beratungsstelle. Ich erzähle hier nur meinem Tagebuch, wie ich versuche, den Kopf über Wasser zu halten.
Vom Projektmanagement zum Überlebenskampf
Als die Aufforderung zur MPU im Briefkasten lag, war meine erste Reaktion: Panik. Meine zweite: Ich brauche einen Leitz-Ordner. Das klingt vielleicht lächerlich, aber in einer Situation, in der man die Kontrolle über seine Mobilität und ein Stück weit über sein Selbstbild verloren hat, ist Struktur der einzige Anker. Ich habe angefangen, meine Vorbereitung wie ein Projekt in der Firma zu behandeln. Meilensteine, Deadlines, Dokumentenmanagement.
Zuerst kamen die Abstinenznachweise. Zwölf Monate – das ist die Vorgabe, an der ich mich festhalte. Jedes Mal, wenn ich zum Labor muss, habe ich dieses flaue Ziehen in der Magengrube, wenn ich den offiziellen Stempel auf einem neuen Befund sehe. Es ist dieses Gefühl von absoluter Fremdbestimmung. Aber dann streiche ich die Klarsichtfolie glatt, hefte das Blatt ein und spüre für einen Moment das glatte, kühle Gefühl des Kunststoffs unter meinen Fingern. Ordnung schafft Distanz zum Schmerz.

Die Systematik hinter dem Chaos
Mein Ordner hat jetzt farbige Trennblätter. Blau für die Termine bei der Verkehrspsychologin, Grün für die Laborberichte, Gelb für meine eigenen Notizen aus dem Workbook. Es hilft mir, die MPU Vorbereitung neben dem Beruf zu organisieren, ohne dass ich jeden Abend in Tränen ausbreche. Aber Ordnung ist nicht alles. Manchmal liege ich trotzdem stundenlang auf dem Sofa und starre die Zimmerdecke an, während die Mail der ehemaligen Lieblings-Bar ungelesen im Postfach verschimmelt.
Ich habe gelernt, dass meine beruflichen Skills als Office Managerin – das Strukturieren, das Vorausplanen, das Dokumentieren – zwar helfen, aber die emotionale Arbeit nicht ersetzen. Die Blutalkoholkonzentration von 1,4 war eine Zahl auf einem Papier, aber das, was dahintersteckt, die Gründe, warum ich an diesem Abend nicht aufgehört habe zu trinken, lassen sich nicht in Excel-Tabellen erfassen.
Warum zu viel Ordnung gefährlich sein kann
Hier kommt der Punkt, den mir niemand vorher gesagt hat: Statt den gesamten Vorbereitungsprozess penibel bis in die letzte Minute durchzuplanen, sollte man gezielt ein kontrolliertes Chaos zulassen. Ich weiß, das klingt für eine Office Managerin wie Hochverrat. Aber bei der MPU geht es um die charakterliche Eignung. Wenn ich nur ein perfekt einstudiertes Skript abgebe, merkt der Gutachter das sofort.
Ich trainiere meine reale psychische Belastbarkeit jetzt unter Stress. Letzten Freitag bei einer Geburtstagsfeier habe ich mir ein Glas Sekt vor mich hingestellt, nur damit niemand fragt. Ich habe es nicht angerührt – es war ein dummer, fast schon gefährlicher Test meinerseits –, aber es hat mir gezeigt, dass ich in der echten Welt bestehen muss, nicht nur in meinem perfekt sortierten Ordner in Neuhausen. Ich muss lernen, mit der Unsicherheit umzugehen, wenn die U7 nach Westfriedhof mal wieder Verspätung hat und mein ganzer Zeitplan wackelt, ohne dass der erste Gedanke zum Weinregal geht.
Die kleinen Siege im Register
Inzwischen ist es Herbst 2026. Ein regnerischer Sonntagabend im Januar war der Tiefpunkt, aber heute fühlt es sich anders an. Die kleinen roten Punkte in meinem Tagebuch werden seltener. Die Struktur gibt mir den emotionalen Halt, den der Alkohol früher nur vorgetäuscht hat. Ich habe angefangen, ehrlich zu reflektieren, wie ich meine Einstellung zum Fahren ohne Alkohol neu bewerte, und das ist ein Prozess, den kein Leitz-Ordner der Welt allein lösen kann.
Manchmal greife ich zum Workbook, blättere durch die ausgefüllten Seiten und sehe meine eigene Handschrift, die am Anfang noch zittrig war und jetzt fester wirkt. Es geht um Trennungsvermögen, um ETG-Werte und um die bittere Wahrheit, dass ich mich selbst belogen habe. Aber jeder Beleg, der dazukommt, jede Stunde beim Lehrgespräch, ist ein Baustein für eine zweite Chance.
Gestern habe ich eine alte Kollegin getroffen. Sie fragte, warum ich immer noch mit dem Bus komme. Ich habe nicht gelogen. Ich habe nicht gesagt, es sei eine Magen-Darm-Sache oder das Auto sei in der Werkstatt. Ich habe gesagt: Ich habe Mist gebaut und arbeite gerade daran. Das war kein Punkt in meinem Ordner, aber es war der größte organisatorische Erfolg meiner Woche. Ordnung im Kopf ist wichtiger als Ordnung auf dem Schreibtisch. Aber der kalte Tee auf dem Küchenboden? Der bleibt wohl mein ständiger Begleiter, bis ich dieses Kapitel endlich abheften kann.