
Ich sitze auf dem kalten Linoleum in Neuhausen, neben mir ein längst erkalteter Hagebuttentee in meiner Lieblingstasse mit dem Sprung, und starre auf einen kleinen blauen Tintenpunkt in meinem Notizbuch. Wieder ein Sonntagabend, an dem die Stille in der Wohnung lauter dröhnt als der Straßenverkehr draußen auf der Nymphenburger Straße.
Hinweis vorab: In meinen Texten findest du gelegentlich Affiliate-Links zu Materialien, die ich selbst nutze. Wenn du darüber etwas kaufst, erhalte ich eine kleine Provision – für dich bleibt der Preis exakt derselbe. Ich empfehle hier ausschließlich Dinge wie das Workbook, das ich selbst sonntags aufgeschlagen habe. Bitte beachte: Ich bin keine Verkehrspsychologin, keine Suchttherapeutin und keine Anwältin, sondern teile nur meine ganz persönlichen Erfahrungen. Bei juristischen Fragen sprich bitte mit einem Fachanwalt für Verkehrsrecht, bei Alkoholthemen mit einer professionellen Beratungsstelle. Mein vollständiges Impressum und Details gibt es auf der Über-mich-Seite.
Seit jenem Spätsommerabend, an dem ich nach einer Hochzeit mit 1,4 Promille in die Polizeikontrolle geraten bin und meinen Führerschein noch an Ort und Stelle abgeben musste, klebt dieses eine Wort an mir: gescheitert. Nicht bloß ein kleiner Fehler im Alltag. Es fühlte sich an wie ein moralischer Totalschaden, der mein gesamtes Selbstbild mit einem einzigen Atemalkoholtest zertrümmert hat.
Das Schweigen und die Fassade im Berufsalltag

Im deutschen Verkehrsrecht gilt ab 1,1 Promille die sogenannte absolute Fahruntüchtigkeit nach § 316 StGB. Ich lag mit 1,4 Promille spürbar darüber – ein aktenkundiger Fakt, der mich im Spätherbst mit dem gelben Brief der Behörde endgültig den Boden unter den Füßen kostete. Jedes Mal, wenn so ein gelb-weißer Behördenumschlag im Kasten lag, zog sich tief hinter meinem Brustbein ein stechender, übelkeitserregender Knoten zusammen.
Was einem in den typischen Ratgebern niemand ehrlich erzählt: Die Ratschläge zur privaten Einkehr und zum Rückzug funktionieren überhaupt nicht, wenn man beruflich täglich im Kundenkontakt steht. Nach meinem Ausscheiden als Office Managerin habe ich begonnen, selbstständig Projektkoordinationen und Kundenbetreuung zu übernehmen. In einer Rolle, in der man Souveränität, Verlässlichkeit und absolute Kontrolle ausstrahlen muss, ist eine Trunkenheitsfahrt ein unaussprechliches Tabu.
Man kann Kunden, die fragen, warum man für den Termin am Stadtrand mit der U-Bahn anreist oder warum man beim späten Geschäftsessen das angestoßene Weinglas demonstrativ unberührt stehen lässt, nicht einfach sagen: »Entschuldigung, ich bereite mich gerade auf meine MPU vor und muss mein Trennungsvermögen nachweisen.« Man erfindet Ausreden. Eine angebliche Parkplatzphobie in München, Magen-Darm-Verstimmungen, sportliche Abstinenz-Challenges. Diese ständige Fassade verdoppelt den Schamfaktor. Jeder Händedruck fühlte sich für mich monatelang an wie ein Betrug, weil niemand ahnte, wie tief der Riss in meiner Biografie wirklich war.
Besonders die Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fraßen mich auf. Wenn ich morgens in der überfüllten S-Bahn oder der U7 Richtung Westfriedhof saß, schoss mir unweigerlich der Gedanke durch den Kopf, dass jeder einzelne Fahrgast mir ansieht, dass man mir die Fahrerlaubnis entzogen hat. Natürlich schaut niemand hin – die Menschen hängen an ihren Smartphones. Aber die eigene Paranoia macht aus jedem flüchtigen Blick ein stummes Urteil über den eigenen moralischen Bankrott.
Die Konfrontation: Wenn Ausreden auf Papier treffen
An einem trostlosen Sonntagabend im Februar dachte ich, ich hätte die Dinge langsam im Griff. Ich hatte mir strukturiertes Material besorgt, um die MPU-Themen nicht mehr nur panisch zu googeln. Ich schlug Der MPU Masterplan Alkohol auf – mein Workbook, das mir für die Sonntage wenigstens etwas Halt geben sollte. Doch als ich bei Modul drei ankam, dem Kapitel zum Trennungsvermögen, rannte ich gegen eine massive emotionale Wand.
Das Workbook stellt sehr direkte, schonungslose Fragen dazu, wie und warum man Alkohol konsumiert hat und warum man sich trotz der Menge noch hinters Steuer gesetzt hat. Ich erwischte mich dabei, wie ich glatte, sozial erwünschte Erklärungen formulierte: »Es war eine Ausnahme«, »Ich war überarbeitet«, »Die Situation war unübersichtlich«. Ich schrieb drei ganze Seiten voll mit diesen weichgespülten Rechtfertigungen. Plötzlich sah ich die feuchten Tintenspuren unter meinem schwitzenden Handballen verschmieren.
Ich starrte auf diese drei Seiten und mir wurde schlecht. Ich log mich immer noch selbst an. Mit einem dicken Kugelschreiberstrich durchstrich ich wütend alle drei Seiten, so fest, dass das Papier riss. Wer den Masterplan nutzt, merkt schnell: Die Selbstreflexions-Aufgaben muss man wirklich ehrlich beantworten – das Heft nimmt einem diese brutale Selbsterkenntnis nicht ab. Wenn man das Workbook zwei Wochen liegen lässt, fängt man bei Modul drei innerlich wieder von ganz vorne an. Eine Bekannte aus einer Selbsthilfegruppe nutzt für ihren Fall übrigens das drogenspezifische Pendant FLEX3, aber im Kern stehen wir alle vor derselben Hürde: Wir wollen nicht wahrhaben, warum wir die Kontrolle verloren haben.
Mehr darüber, wie schwer dieses ehrliche Aufschreiben fällt, habe ich auch im Eintrag darüber festgehalten, was ich aus meinen schlechten Tagen im MPU Tagebuch über mich lerne. Denn an diesem Abend im Februar war ich kurz davor, alles in die Papiertonne zu werfen.
Der Wendepunkt: Scham ist nicht dasselbe wie Verantwortung

Mitte des Frühjahrs hatte ich einen Termin bei meiner Verkehrspsychologin, der die Perspektive endlich verschob. Ich saß dort auf der Couch, die Hände ineinander verkrallt, und redete mich wieder um Kopf und Kragen über meine eigene Unfähigkeit, über die Scham vor meinen Kunden und das Gefühl, ein wertloser Mensch zu sein.
Sie hörte mir lange zu, rückte ihre Brille zurecht und sagte einen Satz, der mir wie ein Schock durch die Glieder fuhr: »Wissen Sie, was Sie da gerade tun? Sie suhlen sich in Selbstverachtung, weil das bequemer ist, als Verantwortung zu übernehmen. Scham ist passiv. Verantwortung ist anstrengend.«
Dieser Satz saß. Sie erklärte mir, dass Selbstmitleid und das ständige Gefühl des »Ich bin gescheitert« eine bequeme Ausflucht sind. Wer sich für ein hoffnungsloses Wrack hält, muss sich nicht fragen, warum er jahrelang nach anstrengenden Projektphasen zum Alkohol gegriffen hat, um runterzukommen. Wer sich nur schämt, vermeidet die nüchterne Analyse der eigenen Trinkmuster.
Ich bin keine Therapeutin und kann niemandem vorschreiben, wie die eigene Psyche tickt. Bei echten Belastungen oder manifesten Problemen ist der Gang zu einer professionellen Beratungsstelle unerlässlich. Aber für mich war dieser Moment die Trennlinie: Ich musste aufhören, die Alkoholfahrt als ein Verhängnis zu betrachten, das mir »passiert« ist, und stattdessen anerkennen, dass ich Entscheidungen getroffen habe. Falsche, gefährliche Entscheidungen, für die ich geradestehen muss.
Von da an veränderten sich meine Sonntagabende. Ich nutzte das Workbook nicht mehr, um mir ein Alibi für eine MPU-Prüfung zusammenzuschustern, sondern um mein damaliges Konsumverhalten wie eine neutrale Buchhalterin auseinanderzunehmen. Ich begann zu verstehen, wie ich in stressigen Zeiten reagiert hatte, und wie wichtig es ist, Rückfallgefahren im Alltag bewusst zu erkennen, statt sie hinter Ausreden zu verstecken.
Spätsommer-Realität: Vom Urteil zum Wegweiser
Vor wenigen Wochen, im Spätsommer, saß ich wieder auf demselben Küchenboden. Zehn Monate waren vergangen seit den ersten chaotischen Wochen nach dem Entzug. Mein Notizbuch ist voller geworden – Seite an Seite mit den formalen Daten zu meinen ETG-Abstinenznachweisen und den Notizen zu den psychologischen Gesprächen. Auch das Thema meine Einstellung zum Fahren ohne Alkohol neu zu bewerten hat mich etliche Abende gekostet.
Verschwindet das Gefühl des Scheiterns jemals ganz? Nein, ehrlich gesagt nicht. Manchmal reicht ein Blick auf das verstaubte Auto in der Tiefgarage, das ich seit Monaten nicht bewegen darf, oder eine Absage für ein Kundenprojekt außerhalb des Münchner S-Bahn-Netzes, und die alte Bitterkeit flammt kurz auf. Der Unterschied zu früher ist nur: Sie lähmt mich nicht mehr.
Ich begreife diesen Fehler heute nicht mehr als Endstation meines Lebens, sondern als die schmerzhafteste, aber notwendigste Kurskorrektur, die ich je machen musste. Die MPU-Vorbereitung fordert genau das: den Nachweis, dass man nicht einfach Gras über die Sache wachsen lässt, sondern die Ursachen versteht und trennen kann – Trennungsvermögen im Kopf genauso wie im Straßenverkehr.
Falls du gerade an dem Punkt stehst, an dem der Schock noch tief in den Knochen sitzt und du dich fragst, wie du jemals wieder erhobenen Hauptes vor Kunden, Kollegen oder Bekannten stehen sollst: Hör auf, dich in Ausreden zu flüchten. Such dir Unterstützung, sei es durch Fachberatung, durch offene Gespräche oder durch Werkzeuge, die Struktur schaffen. Mir hat die nüchterne, schriftliche Auseinandersetzung mit dem MPU Masterplan Alkohol dabei geholfen, aus der reinen Scham in ein konkretes Handeln zu finden – auch wenn der Weg manchmal verdammt wehtut.
Mein Tee ist mittlerweile eiskalt. Ich mache das Notizbuch für heute zu, setze einen neuen kleinen Punkt für eine weitere geschaffte Woche und schalte das Küchenlicht aus. Morgen früh geht es wieder mit der U-Bahn zum nächsten Kundentermin – ohne Ausrede im Kopf, sondern mit einem sehr klaren Blick darauf, wer ich heute bin.