
Ich sitze hier auf den kalten Küchenfliesen in Neuhausen, mein Sonntagabend-Tagebuch auf den Knien und der Tee ist längst kalt geworden – ein Klassiker. Draußen quietscht die Tram durch die Nymphenburger Straße, und ich frage mich, wie ich eigentlich hier gelandet bin. Es sind jetzt etwa 14 Monate her, seit dieser eine Samstagabend im Spätsommer 2025 mein Leben auf den Kopf gestellt hat.
Nach einer Hochzeit wurde ich mit 1.4 Promille kontrolliert. Wer sich ein bisschen auskennt, weiß: Der gesetzliche Grenzwert für absolute Fahruntüchtigkeit liegt bei 1.1 Promille. Ich war also drüber. Deutlich. Im November 2025 kam dann dieser gelbe Brief – die MPU-Aufforderung. Seitdem ist nichts mehr wie vorher.
Die Erkenntnis: Nicht-Trinken ist nur die halbe Miete
Ich dachte am Anfang wirklich, es reicht, wenn ich einfach die Finger vom Glas lasse. Aber meine Verkehrspsychologin hat mir diesen Zahn bei den ersten Terminen im Frühjahr ziemlich schnell gezogen. Sie redet immer von der charakterlichen Eignung und dem Trennungsvermögen. Es geht nicht nur darum, den ETG-Wert sauber zu halten, sondern darum, zu verstehen, warum man überhaupt getrunken hat.
Ich musste lernen, zwischen inneren und äußeren Auslösern zu unterscheiden. Das klingt so nach Lehrbuch, aber wenn man dann allein in seiner Wohnung sitzt und die ungeöffnete Mail von der ehemaligen Lieblings-Bar im Posteingang sieht, wird es plötzlich sehr real. Das raue Papier meines Notizbuches unter den Fingerspitzen hilft mir dann, mich zu konzentrieren, während ich versuche, diese Momente zu analysieren.

Die Stress-Falle: Wenn der Job zum Trigger wird
Als ehemalige Office Managerin war mein Alltag ein einziges Feuerlöschen. Telefonate, Termine, Listen – und abends war der Wein die Belohnung. Eine gefährliche Symbiose aus Entspannung und Betäubung. Ich habe erst in der Vorbereitung realisiert, dass Stress mein größter innerer Auslöser war. Wenn es im Büro mal wieder gebrannt hat, war das Glas Wein am Abend mein Ventil.
Heute erkenne ich dieses Muster. Wenn ich jetzt gestresst bin, merke ich ein fieses Ziehen im Nacken. Früher hätte ich das ignoriert und zur Flasche gegriffen. Jetzt weiß ich, dass das eine riskante Situation ist. Ich habe angefangen, neue Gewohnheiten im Alltag zu etablieren, um diese Momente abzufangen, bevor sie mich überrollen. Manchmal lege ich mich einfach lange auf das Sofa und starre die Decke an, statt irgendetwas zu tun.
Der Supermarkt-Moment und das flaue Gefühl
Es gibt diese äußeren Auslöser, die einen völlig unvorbereitet treffen. Letzten Mittwoch war ich im Supermarkt am Rotkreuzplatz. Jemand lief mit einem Einkaufswagen voller klirrender Flaschen an mir vorbei. Dieses kurze, flaue Gefühl im Magen – als ob mein Körper sich an den Geschmack von damals erinnert, bevor mein Kopf überhaupt reagieren kann. Das ist eine riskante Situation.
In solchen Momenten hilft mir der Blick in mein Workbook. Ich habe dort einen Rückfallvermeidungsplan ausgearbeitet. Klingt hochtrabend, ist aber im Grunde nur ein Notfall-Zettel im Kopf. Ich sage mir dann: Ich brauche das nicht mehr. Ich habe 12 Monate Abstinenznachweise hinter mir, ich werde das nicht für einen kurzen Moment der Schwäche wegwerfen. Die MPU-Gutachter legen extrem viel Wert darauf, dass man solche Situationen nicht nur erkennt, sondern auch weiß, was man stattdessen tut.
Warum Isolation keine Lösung ist: Der Mut zum Nein
Ein großer Fehler, den ich am Anfang gemacht habe, war die totale Isolation. Ich bin nirgendwo mehr hingegangen. Ich dachte, wenn ich mich in Neuhausen einsperre, kann nichts passieren. Aber das ist Quatsch. Absolute Isolation erhöht die Rückfallgefahr sogar, weil man die soziale Realität nicht mehr prüft. Man verlernt, wie man in einer Welt voller Alkohol lebt, ohne mitzumachen.
Vor etwa drei Wochen war ich zum runden Geburtstag einer Freundin eingeladen. Früher wäre ich dort die Erste gewesen, die nach dem Sekt fragt. Diesmal habe ich am Freitag davor sogar kurz überlegt, ein Glas Sekt vor mich hinzustellen, damit niemand fragt – ich habe es nicht angerührt, aber im Nachhinein war das ein ziemlich dümmster Test an mich selbst. Man sollte sich nicht unnötig in Gefahr bringen, nur um die eigene Willenskraft zu beweisen.

Die Notfall-Strategie in der Praxis
Auf der Party habe ich dann meine Strategie angewendet. Statt das Glas als Schutzschild zu benutzen, habe ich von Anfang an gesagt: Ich trinke heute nichts. Punkt. Ohne lange Erklärungen. Wer fragt, bekommt ein kurzes Ich fahre noch (auch wenn ich mit der U-Bahn da bin) oder einfach ein Ich möchte heute nicht. Es ist erstaunlich, wie wenig die Leute das eigentlich interessiert, wenn man es selbstbewusst sagt.
In meinem Sonntagabend-Tagebuch habe ich diesen Abend mit einem kleinen Punkt markiert – nicht, weil ich getrunken habe, sondern weil es ein schwieriger Tag war. Diese Ehrlichkeit mir selbst gegenüber ist wichtig. Ich habe in der Vorbereitung gelernt, dass ich Rückfallgefahren im Alltag jetzt viel bewusster erkenne als noch vor einem Jahr. Es geht darum, wachsam zu bleiben.
Ich bin natürlich keine MPU-Beraterin oder Therapeutin. Ich habe keine medizinische Ausbildung und bin keine Fachanwältin für Verkehrsrecht. Ich bin nur eine 36-Jährige, die einmal richtig Mist gebaut hat. Wenn ihr wirklich tiefgreifende Probleme mit Alkohol habt, sucht euch bitte Hilfe bei einer Suchtberatungsstelle oder einem Profi. Mein Tagebuch ist nur mein persönlicher Weg durch diesen Dschungel.
Mein Fazit für heute
Die Vorbereitung auf das psychologische Gespräch bei der MPU ist wie eine Wanderung durch dichten Nebel ohne Karte – man muss sich langsam vortasten. Aber jede riskante Situation, die ich ohne Alkohol überstehe, macht den Nebel ein bisschen lichter. Ich weiß jetzt, dass Stress mein innerer Feind ist und soziale Erwartungen meine äußeren Hürden.
Der Blick auf meine Abstinenznachweise erinnert mich daran, dass ich schon weit gekommen bin. Nächsten Sonntag sitze ich wahrscheinlich wieder hier, der Tee wird wieder kalt sein, und ich werde wieder einen Punkt in mein Notizbuch malen. Aber vielleicht ist der Punkt dann ein bisschen kleiner, weil ich gelernt habe, dass ein Nein zu anderen ein Ja zu mir selbst und zu meinem Führerschein ist.