
Das Glas in meiner Hand ist beschlagen und eiskalt, aber es ist nur Tonic Water mit viel Eis und einer Scheibe Zitrone — das weiß hier keiner außer mir. Um mich herum wird die Stimmung lauter, jemand hält mir eine offene Flasche Augustiner hin, fast automatisch. Ich schüttle kurz den Kopf und halte das Glas eine Spur fester, als nötig wäre. Für die Alkohol-MPU zählt jede einzelne Ausnahme, und der soziale Druck an einem Abend wie diesem ist genau der Punkt, an dem die meisten kippen.
Bevor es weitergeht, kurz dazwischen: Dieses Tagebuch ist keine Rechtsberatung und keine Suchttherapie, nur meine eigene Sicht auf die Alkohol-MPU, den Abstinenz-Alltag und die soziale Angst rund um Sommerfeste, Familienfeiern und Firmenevents. Ein paar Links hier führen zu Workbooks, die ich selbst benutze — kaufst du darüber etwas, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Mehr dazu gleich, erst zurück zum Fest.
Soziale Angst auf dem Sommerfest: was die Alkohol-MPU nicht verzeiht
In München ist ein Sommerfest selten nur ein Sommerfest — es ist ein Belastungstest für alles, was mit Networking zu tun hat, und bei mir kommt seit letztem Jahr noch etwas dazu: eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung, die keine Grauzonen kennt. Kontrolliertes Trinken gegen komplette Abstinenz ist für andere vielleicht eine Abwägung, für mich gerade nicht — bei mir zählt nur die Null. Ein einziges Glas Sekt aus Höflichkeit, und mein ganzer Abstinenznachweis wackelt.
Wer im Vertrieb wieder Fuß fassen will, kommt an solchen Abenden nicht vorbei, so einfach ist das. Trotzdem stand ich Tage vorher wie gelähmt in meiner Wohnung in München-Neuhausen und habe mir Sätze zurechtgelegt, die ich am Ende doch nicht gebraucht habe. Soziale Angst bei der MPU-Vorbereitung redet man selten offen aus — meistens sitzt sie einfach im Bauch, bis man vor der Tür steht.

Zwei Taktiken für denselben Abend
Ein paar Tage vor dem Fest habe ich noch einmal das MPU Masterplan Alkohol Workbook aufgeschlagen, das Modul zum Trennungsvermögen. Beim dritten Gespräch mit meiner Verkehrspsychologin hatte sie genau bei diesem Wort genickt, kurz nur, aber ich habe es seitdem nicht vergessen — als hätte mir jemand bestätigt, dass ich auf der richtigen Spur bin.
Ich habe mich gefragt, warum ich früher auf genau solchen Festen nie nein gesagt habe. Die Antwort, die ich mir in einem anderen Text schon zu meinen Trinkgewohnheiten für die MPU reflektiert aufgeschrieben habe, ist unbequem: Es ging nie ums Trinken selbst, sondern darum, nicht aufzufallen.
Meine Taktik: bleiben, mit einem Glas in der Hand
Das Fest lag heuer nicht in diesem anderen Münchner Biergarten, in dem ich früher mit der alten Abteilung öfter saß, sondern im Nymphenburger Schlosspark, zwischen den langen Alleen und dem Rasen, auf dem schon die ersten Decken lagen. Weniger Bierbänke, mehr Picknickdecken — und trotzdem dieselbe Erwartung in den Blicken, sobald jemand ein Glas ohne Inhalt in der Hand hält.
Ein früherer Kollege aus der alten Abteilung hielt mir sofort eine Flasche hin, gut gelaunt, ganz automatisch. „Komm, stoß mit an." Ich hielt mein Tonic Water hoch und sagte nur: „Ich trinke nicht mehr", ohne Zusatz, ohne Entschuldigung im Ton. Kein „heute nicht", kein „gerade nicht" — einfach ein ganzer Satz, den ich vorher nie so laut gesagt hatte. Er zuckte kurz mit den Schultern und wandte sich wieder dem Grill zu. Das war's. Keine große Szene, kein Nachbohren.

Der Moment, in dem ich zu viel erklärt habe
Später, als der Abend wärmer und lauter wurde, fragte mich jemand aus einer anderen Abteilung beiläufig nach meinem Auto. Und ich, statt kurz zu bleiben, fing an zu erklären: Trennungsvermögen, Lehrgespräch, warum die Begutachtungsstelle so genau hinschaut. Mitten im Satz merkte ich, dass er längst nicht mehr zuhörte, nur noch höflich nickte und nach einem Ausweg aus dem Gespräch suchte. Er wollte Smalltalk, ich habe ihm mein halbes Leben hingelegt.
So etwas übt man schlecht in der Gruppe, das habe ich selbst gemerkt. Eine Selbsthilfegruppe habe ich dreimal besucht, ehrlich versucht mitzureden — und beim vierten Termin bin ich einfach nicht mehr hingegangen. Zu viele fremde Geschichten auf einmal, zu wenig Raum für meine eigene kurze Version. Geholfen haben mir am Ende die Vier-Augen-Gespräche, nicht der Stuhlkreis.
Danach habe ich lange überlegt, wie viel Erklärung ich eigentlich schulde — Fremden auf einem Fest so wenig wie mir selbst. In einem anderen Eintrag schreibe ich ausführlicher darüber, wie ich mein Selbstbild für die MPU reflektiere, aber der Kern passt auch hierher: Meine Geschichte gehört nicht jedem, der zufällig danach fragt.
Susannes Taktik: kurz bleiben, früh gehen
Eine Frau aus einem MPU-Forum, Susanne Bäuerle, macht es anders. Sie erzählt ihre eigenen Ausrutscher meistens ohne jede Beschönigung, ohne sich dabei kleinzumachen, und genau deshalb höre ich ihr zu. Ihre Taktik für Feste: ankommen, kurz da sein, einen Satz sagen, wenn gefragt wird, und gehen, sobald sich die Gespräche zu wiederholen anfangen. Keine langen Erklärungen, keine Grillabende bis zum Schluss.
Ich habe im Vorfeld einiges mit alkoholfreien Getränken experimentiert, bevor ich mich für Tonic Water mit viel Eis entschieden habe — es sieht aus wie ein Longdrink, niemand fragt nach, und ich muss mich nicht wie ein Kind mit Apfelschorle fühlen. Ein fester Satz, ein Glas, das nach etwas aussieht, und die stille Absprache mit mir selbst, dass ich gehe, sobald es unangenehm wird: Das war meine Version von Susannes Kürze, nur eben etwas länger durchgehalten.

Welche Taktik zu welchem Fest passt
Bleiben und mitreden lohnt sich, wenn das Fest beruflich wichtig ist und ich sowieso bald wieder auf dieselben Gesichter treffe — dann zahlt sich die kurze Unbequemlichkeit später aus. Susannes Version, kurz da sein und früh gehen, passt besser zu Feiern, bei denen ich niemanden wirklich kenne oder bei denen mir die Energie für Erklärungen einfach fehlt. Beides ist keine Schwäche, nur eine andere Rechnung. Zu Hause habe ich noch kurz im MPU Masterplan geblättert, um zu sehen, welches Modul als Nächstes kommt.
Am nächsten Morgen hat mir Dirk Wossidlo geschrieben, ein ehemaliger Kollege aus der alten Firma — nur kurz, ob ich gut nach Hause gekommen bin. Keine Nachfrage zum Fest, kein Kommentar, einfach nur die Frage. Genau solche kleinen Gesten helfen mir gerade mehr als große Reden. Wenn du selbst vor einem ähnlichen Abend stehst: Übe den einen Satz vorher laut, nicht nur im Kopf. Wie ich mein MPU-Gespräch übe, ohne alles auswendig zu lernen, beschreibe ich an anderer Stelle — das Prinzip funktioniert auch für einen einzigen Satz auf einem Sommerfest.